Von Kurt Becker

Zu den Lebensregeln der Bundeswehr gehört von ihrer Geburtsstunde an die immer wiederkehrende banale Erkenntnis: Unsere Leistungskraft ist begrenzt, die Streitkräfte müssen sich nach der Decke strecken. Gleich am Anfang stand die Gewißheit, daß das der Bundeswehr auferlegte unsinnige Tempo bei ihrer Aufstellung – 500 000 Mann in drei Jahren – nicht einzuhalten war. Dann wiederholte sich in jedem Jahrzehnt aufs neue die Einsicht in den unerfüllbaren Finanzbedarf, die zu kräftigen Einschnitten in die Organisation und bei der geplanten Ausrüstung führte. Heute ist es das heraufziehende und sich dramatisch verschärfende Personalproblem, das die Streitkräfte wieder in Verdrückung bringt. Der anhaltende Geburtenrückgang schlägt in drei Jahren voll auf die Zahl der wehrpflichtigen durch. Mitte des nächsten Jahrzehnts werden 104 000 Rekruten fehlen, muß die westdeutsche Verteidigungsfähigkeit in alarmierender Weise schrumpfen, wenn sich die Bundesregierung nicht zu schweren Entschlüssen aufrafft.

Noch Mitte Februar beteuerte der Bundeskanzler vor den in Travemünde versammelten Kommandeuren der Bundeswehr: "Ich will eine innenpolitische Diskussion über diese Fragen erzwingen." Dieses Vorhaben hat sich jetzt erübrigt Die Debatte ist schon voll entbrannt, dank der Tollpatschigkeit und Wichtigtuerei des Parlamentarischen Staatssekretärs Peter Würzbach, der auf eigene Faust Schlagzeilen in die Welt setzte. Seither blühen die Spekulationen über die wahrscheinliche Erhöhung der Wehrpflicht auf achtzehn Monate und vor allem über die noch völlig unausgegorene, aber besonders aufreizend wirkende Erwägung, Frauen für den Dienst ohne Waffe in die Bundeswehr einzustellen.

Diese willkürliche Verengung auf nur zwei Denkmodelle führt zu einem unweigerlich versimpelnden Zerrbild eines Katalogs von Maßnahmen, den eine Expertenkommission für die Langzeitplanung der Bundeswehr noch zu Hans Apels Amtszeit ab Verteidigungsminister vorschlug. Es fehlt nicht an Ideen, wie dem Problem zu Leibe zu rücken wäre, sondern eher an der Gewißheit, welches Maßnahmenbündel politisch durchsetzbar ist.

Manfred Wörners Vorschlag steht noch aus. Ohnedies kann die Bundesregierung nicht wie weiland Ziethen aus dem Busch operieren. Der gegenwärtige Friedensumfang der Bundeswehr von 495 000 Mann ist schließlich keine aus der Luft gegriffene Größenordnung. Vielmehr ist die Bundeswehrstärke in erster Linie die bündnispolitische und militärische Antwort auf das Erfordernis der Abschreckung. Sie ist verknüpft mit der Verteidigungsdoktrin.

Darüber ist neuerdings im Bündnis, zumal in der Bundesrepublik, eine große Debatte über die "richtige" Verteidigungsstrategie in Gang gekommen. Sie muß in die Umfangspläne einbezogen werden. Regierung und Opposition befürworten gemeinsam eine Strategie, die sich im Konfliktfall nicht mehr im bisherigen Maße auf den frühen Einsatz taktischer Atomwaffen stützt Beide verlangen eine Stärkung der konventionellen Abwehrkraft. Das paßt freilich nur schwer mit den Überlegungen zusammen, wegen der schrumpfenden Jahrgänge die Bundeswehr zu verkleinern.

Natürlich bleibt noch die Hoffnung, die Wiener Ost-West-Verhandlungen über eine Truppenreduzierung auf Gegenseitigkeit könnte endlich zu Ergebnissen führen. Wenn sich tatsächlich das konventionelle Kräfteverhältnis beiderseits der Elbe auf einer niedrigeren Ebene einpendeln könnte, bedeutete das nicht nur mehr Stabilität in Europa, sondern auch eine bedeutsame Erleichterung unseres demographischen Problems. Von dieser Einsicht hätte schon immer ein nachdrücklicher Bonner Impuls für die Verhandlungsführung in Wien ausgehen müssen. Gleichwohl muß Bonn auch auf einen Mißerfolg gewappnet sein.