Von Marion Gräfin Dönhoff

Verfolgung, Widerstand, Gefängnis, Exil: das sind die Merkmale unseres Jahrhunderts. Daran wurde man in der vergangenen Woche erinnert, als die New School for Social Research – die man die Universität im Exil genannt hat – in New York ihren fünfzigsten Geburtstag mit der Verleihung des Ehrendoktors an heutige Dissidenten feierte: an Lew Kopelew, den sowjetischen Schriftsteller, und an Adam Michnik, den polnischen Historiker und Berater von "Solidarität", der sich seit 22 Monaten im Warschauer Gefängnis befindet.

Der Vorläufer der New School ist schon im Jahr 1919 gegründet worden, um amerikanischen Gelehrten der Columbia University eine neue Wirkungsmöglichkeit zu geben; diese damaligen Dissidenten hatten den Mut und die Taktlosigkeit gehabt, Amerikas Eintritt in den Ersten Weltkrieg zu kritisieren.

In den zwanziger Jahren wurde es dann still um die New School; erst 1934, ein Jahr nach Hitlers Machtergreifung, wurde sie weltbekannt, als ihr Leiter, der Ur-Amerikaner aus dem Mittleren Westen, Alvin Johnson, die Idee hatte, aus ihr eine Universität im Exil zu machen und deutsche Gelehrte dorthin zu berufen. So kam es, daß der Begründer der Gestaltspsychologie, der Frankfurter Max Wertheimer, der Kieler Nationalökonom Gerhard Colm, der später in Franklin Roosevelts New Deal eine wichtige Rolle gespielt hat, Politologen und Philosophen wie Adolph Lowe, Eduard Heimann, Hans Speier, Arnold Brecht dort einer begierigen amerikanischen Jugend ihre Einsichten und ihr politisches Engagement vermittelten.

Eine großzügige Tat der Amerikaner, die dem eigenen Land enorme Bereicherung brachte. Jener geistige Aderlaß einmaliger Größenordnung hat Deutschland verarmt, und das amerikanische Geistesleben von Grund auf verändert. Die Natur- und Geisteswissenschaften sind entscheidend von dieser Immigration bestimmt worden.

Aber die Feier, die jetzt in New York stattfand, war mehr als nur Denkmalspflege. Die Anwesenheit Kopelews wie die leider selbstverständliche Abwesenheit Michniks erinnern daran, daß es immer noch Opfer der Unterdrückung gibt, daß die Verarmung der Länder weitergeht, die von Diktatoren regiert werden, weil sie mit Dissidenten nicht anders umzugehen verstehen, als sie ins Exil oder ins Gefängnis zu schicken.

Die New School beweist die amerikanische Tradition der Offenheit und Hilfsbereitschaft, aber sie ist auch eine Warnung für die immer wiederkehrende Versuchung der Konformität in Amerika. Es gibt eine amerikanische Widerstandstradition, die sich in der McCarthy-Zeit und im Vietnamkrieg erwiesen hat. Und auch heute, in der Reagan-Administration, gibt es Beweise von Opposition gegen zu viel Ideologie, bewußt und unbewußt genährt von den historischen Erfahrungen Europas, wo Anpassung die Regel und Widerstand Martyrium bedeutet. Der katholische Klerus ist zum hartenKritiker an der Reaganschen Politik geworden, die Union of Concemed Scientists hat immer wieder gegen die Rüstungspolitik protestiert, der erzkonservative Barry Goldwater, selbst Republikaner, hat die Regierung wegen der Verminung der Hafen von Nicaragua scharf angegriffen, und der ehemalige Rechtsberater des State Department, der Harvard-Jurist Abraham Chayes, stellte sich der nicaraguanischen Regierung zur Verfügung, um sie beim Haager Gerichtshof gegen sein eigenes Land zu vertreten.

Die Feier in New York: Erinnerung und Ermahnung zugleich.