Nun haben wir die Volkszählung gerade hinter uns gebracht, das heißt, mit teils guten Gründen und teils nicht so gutem Geschrei vorerst verhindert, und da kommt uns von der Presseagentur AP folgende Meldung auf den Tisch: "Ein Gesamtverzeichnis aller deutschen Kunstwerke soll mit Mitteln des Stifterverbandes für die deutsche Wissenschaft in Essen angelegt werden. Die geplante zentrale‚Kunst‘-Datenbank ist international allenfalls mit der des John-Paul-Getty-Trusts in den USA vergleichbar. Angeregt wurde das Projekt von einem Spender, der dem Stifterverband dafür einen zweckgebundenen Betritt überlassen hat."

Ein wohlmeinender und gleichzeitig wohlhabender Kunstfreund finanziert also eine Datenbank für die Kunst. Was aber noch erstaunlicher ist als diese Nachricht: kein Bürger und kein Künstler, kein Museumsmann und kein Jurist hat, soweit ich sehen kann, diesen Plan so komisch und heikel gefunden, wie er doch wohl ist.

Nun hat der in der Stille der Anonymität wirkende Kunstfreund, der eine gewiß nicht eben lumpige Summe zum Wohle des, wie er wohl meint, Überlebens der Kunst zur Verfügung gestellt hat, gewiß einen guten Zweck im Auge gehabt. Also zum Beispiel dem spurlosen Verschwinden von Kunstwerken entgegenzuwirken, das in Kriegs- und auch Nachkriegszeiten die brutale Regel ist. Oder auch der mutwilligen Zerstörung von Kunstwerken, die nicht als solche angenommen oder geachtet werden. Aber was nützt eine Liste angesichts der anonymen Gewalt im Kriegsfall? Und: selbst vor ihrem Mäzen und Auftraggeber sind Kunstwerke ja nicht immer sicher, wie die Liquidierung einer Skulptur von Otto Herbert Hajek durch den ADAC in München gezeigt hat.

Da sollen in einem Land, das es noch nicht einmal zu einer wasserfesten oder einigermaßen vollständigen Liste seiner schützenswerten Kulturgüter gebracht hat, in dem immer noch und wieder historisch wertvolle Architektur zerstört wird und kunsthistorische Inkunabeln ins Ausland verscherbelt werden, alle nationalen Kunstwerke erfaßt werden. Also die Bilder, Zeichnungen, Skulpturen, Graphiken, Environments, Videotapes und alles, was es in diesem Bereich der stetig expandierenden Medien sonst so gibt? Und was ist mit der Kunst von gestern und vorgestern? Soll hier das ganze Land umgedreht und vermessen werden? Wer entscheidet da überhaupt, was zur deutschen Kunst dazugehört und was keine Aufnahme in den Olymp namens Datenbank findet? Und was ist, wenn Joseph Beuys Protest einlegt oder zumindest seine wohl notwendige Mithilfe versagt bei diesem Versuch, ihm und seinen Hasen auf die Sprünge zu kommen? Und was sagen die Sammler zu diesem Stifter-Plan, die doch ohnehin ihre Schätze lieber verstecken als öffentlich zeigen, da sie entweder die Vermögenssteuer oder die Diebe oder beides fürchten?

In Deutschland wird viel Geld für die Kunst ausgegeben – besonders für das Drumherum namens Organisation und Verwaltung. Ausstellungsmacher jonglieren mit Millionenbeträgen, als stünden sie am Flipperkasten, und in den Museen sind die Anschaffungsetats zwar minimal, aber dafür die Listen der Verwaltungskosten und der lebenslang zu bezahlenden Kunst-Beamten um so länger. Will sagen: für die Kunst wird viel getan, für die Künstler ziemlich wenig.

Und nun also noch die Datenbank, die Idee von der flächendeckenden Perfektion und der absoluten Vollständigkeit, oktroyiert den Gefilden der Phantasie und der Unvollständigkeit, ersonnen für die, die schon immer wissen wollten, wo eigentlich die Kunst ist. Der böseste Karikaturist des deutschen Wesens hätte sich nichts Trefflicheres ausdenken können. Petra Kipphoff