12. April

Wir sitzen im Reisezug der Deutschen Bundesbahn, die Heide am Bahndamm ist noch blaß und braun, doch der Wald blitzt mit seinem ersten Grün; wir reisen nach Thüringen und Sachsen. Hinter Bebra sind die Haine immer noch licht wie auf dem Brennenden Berg, die Tannenstücke finster wie bei Rentrisch, aber jetzt wackelt die Heide, poltert der Wald; wir fahren auf volkseigener Unterlage.

Freundliche Volkspolizisten haben unsere Zeitungen eingesammelt; eben noch haben wir im ZEITmagazin von Hemingways ehrgeizigem Vorsatz gelesen, Weltmeister im Schreiben zu werden, Dr. Tolstoi einen 6-Rundenkampf anzubieten und ihn k. o. zu schlagen; jetzt bilden sich andere Konkurrenzkämpfe heraus: im Gesellschaftswagen unseres Reisezugs streiten zwei ältere Damen, eine gebürtige Sächsin und eine gebürtige Westfälin, wer vor vierzig Jahren den schwereren Luftangriff miterlebt habe, die Dame aus Dresden oder die Dame aus Mülheim an der Ruhr.

In Eisenach rauscht die Brigade der Reisebegleiterinnen durch den Gesellschaftswagen, unter ihnen Nicole mit der großen Seele, Heidi mit der starken Stimme und Frau B., die uns auf ihre Seite nehmen und in eine Vergangenheit führen wird, von der wir jetzt noch nicht wissen können, ob sie weit oder nur ein paar Jahrzehnte zurückliegt. Herr M. vom DDR-Reisedienst begrüßt uns durch den Lautsprecher, er erklärt, wie’s geplant ist, wie’s gehandhabt wird, wie’s weitergeht. Ei spricht von Verfrachtung in Busse, und uns wird es angst und bange bei seinem Sprachgebrauch.

Vorbei ziehen die kleinen Gärten und die großen Felder, die Schrebergärten von Erfurt, das Schlachtfeld von Lützen, dann sehen wir die Weinhänge an Unstrut und Saale, und es wird uns warm ums Herz. Dresden liegt schon im Dunkel, und wir können nicht sehen, ob das Schloßviertel an der Elbe wieder so aussieht wie es ein Foto im alten Schulatlas zeigt, hinter dem Kartenteil bei "Vaterland und Welt/Bilder zum erdkundlichen Arbeitsunterricht". Dort strotzt es von Barock, lockt mit Pracht und theatralischer Poesie.

In der HO-Gaststätte "Zum Zwinger" essen wir zu Abend. Die dreihundert Reisenden sitzen unter zylindrischen Kunststofflüstern, an praktikablen Sechsertischen, auf den funktionalen Stühlen der sechziger Jahre. "Nach was riecht’s?" – "Nach Rindfleischsuppe mit Markklößchen", sagt Brigitte, und schon rückt die Suppenbrigade an, im Frack und schwarzer Fliege. In den großen Tassen dampft die sächsische Rindfleischsuppe und schmeckt hausgemacht; vergessen ist der scheußliche westliche Kartoffelsalat aus der Dose, der uns im Gesellschaftswagen der Bundesbahn serviert wurde und nach Amerika schmeckte, nach weniger als nach nichts. Um halbelf marschiert die Chauffeurbrigade aus dem Saal, bald brummen die Motoren, die Verfrachtung in die Hotels steht bevor. In unserem Zimmer im Interhotel Lilienstein riechts nach frischer Farbe. Bis tief in den Schlaf hinein hören wir die Vögel zwitschern.

13. April