Von Michael Eberth

Dreizehn Aufführungen worden zum Berliner Theatertreffen 1984 eingeladen. In die-Münchner Inszenierung von Lessings "Emilia Galotti" im Theater der Freien Volksbühne. Eine unumstrittene Aufführung, was ihre handwerkliche Qualität, ihre Genauigkeit angeht. Und doch eine höchst umstrittene, vielleicht eine Schlüssel-Inszenierung der Saison: kühn erscheint sie ihren Liebhabern, konventionell, ja betulich ihren Gegnern.

Der Dramaturg der Inszenierung, Michael Eberth, hat uns ein vehementes Plädoyer für die Aufführung geschickt – auch als Antwort auf eine Kritik in der ZEIT (Nr. 9 vom 24. Februar). Doch zu lesen ist nun nicht der übliche, beleidigte Künstler-Leser-Brief, sondern ein ganzer Essay: eine Rede über das deutsche Theater.

Michael Eberth hat als Dramaturg am Frankfurter Theater am Turm (TAT), am Schauspiel Frankfurt und an den Münchner Kammerspielen gearbeitet. Zur Zeit schreibt er einen Roman mit dem Titel: "Die Kunst

Die Deckungslücke, die zwischen Rede (zum Beispiel Theater) und Gegenrede (Kritik) zwangsläufig entsteht, wird immer für Ärger sorgen. Man redet von sich und kriegt darauf vom andern zu hören. Der andere, den man als Spiegel begreift, will lieber sich selber zeigen. Das übliche Spiel zwischen Menschen. Kein Grund, dem groß nachzuhorchen. Und trotzdem passierts, daß man dem, der nicht sagt, was er sieht (sondern nur, was er vorher schon wußte), ab und zu einen Brief schreibt, der nie aus dem Kopf aufs Papier kommt. Hier zielt nun ein Einspruch mal weiter. In der Anstoß erregenden Gegenrede (Helmut Schädels Trauer-Spiel-Trümmer-Kritik über die "Emilia-Galotti"-Inszenierungen in Zürich und München, ZEIT Nr. 9/84) taucht mehrfach das Wort konventionell auf. Ein gefälliges Wort. Man kann damit gar so leicht recht haben. Es trennt, und das machts so gefährlich, Bewegung vom Starren. Wo mag aber derzeit Bewegung erstarrt sein? In der Rede? Der Gegenrede? Wie soll das Theater erzählen? Wer hält’s dabei auf?

Zum erstenmal in meinem Theaterleben ist es mir passiert, daß sich Tage nach einer Aufführung Zuschauer vor mich hingestellt haben, um mir aus innerem Antrieb die Bilder und Gesten vorzuerzählen, die ich selbst zweieinhalb Monate lang Tag für Tag hatte kommen sehen. Nebenher war zu hören, Vertreter der in ihrer Verquältheit geborgenen Theaterkunst hätten die Aufführung als nicht kraß genug abgeschrieben (man nennt das zur Zeit etwa "Fehlen von Amplituden"). Ich war bestärkt im Gefühl, diese Aufführung, die alle Beteiligten mehr als gewöhnlich gefangengenommen hatte, werde die offenen Gemüter auch mehr als alltäglich berühren.

Die Aufführung: Thomas Langhoffs Inszenierung von Lessings "Emilia Galotti" an den Münchner Kammerspielen. Das Stück: eine Offenbarung über dieses unser Land mit diesen unseren deutschen Müttern und Vätern, den Wirrköpfen, Aussteigern, Knechtsseelen, Flatterherzen, den Verlorenen, den in falscher Gewißheit Geborgenen, deren Ängste und Bosheiten, Leiden und Hilflosigkeiten, Hoffnungen, Sehnsüchte wir allesamt in uns tragen und deren Scheitern das unsre ist, was in Lessings Figuren bestürzender als in allen anderen uns vererbten Dramenfiguren sich aufspüren läßt. Da der Zufall es so eingerichtet hatte, daß innerhalb einer Woche ein Vertreter der Westkunst (Jürgen Flimm in Zürich) und ein Ost-Regisseur (Langhoff in München) die Beschäftigung mit diesen Figuren ausstellen würden, war ich gespannt darauf, was die fälligen Vergleiche dabei über Theatersprachen zum Vorschein brächten.