Von Lina Schneider

Flucht nach Varennes – ein Wendepunkt der Geschichte. Wäre dem französischen König Ludwig XVI. damals die Flucht zu seinen Verbündeten und ihren Armeen gelungen, die Welt sähe heute anders aus.

Für bedeutende Ereignisse hält der Historienfilm ein festes Repertoire dramatisch signifikanter Bilder bereit. Für "Flucht nach Varennes" würde die Konvention wohl vorschreiben: atemberaubende nächtliche Verfolgungsjagden, keuchende Pferde, ein verzweifelter, wer tapferer König, eine weinende, händeringende Königin ...

Solche auf Spannung angelegte Sensationsdramaturgie, die ihren Erfolg daran mißt, ob wir um das längst bekannte Ende zittern, ist dem Italiener Ettore Scola fremd. Scola erzählt Historie, wie ein Reporter sie erlebt. Beobachtungen, Vermutungen, Diskussionen, Augenzeugenberichte, zusammengetragen und ins politische Puzzle eingeordnet von einem scharfsinnigen Chronisten: Nicolas Edmond Restif de la Bretonne (Jean-Louis Barrault) – Schriftsteller, Drucker, Enzyklopädist, Verfasser erotischer Romane und politischer Aufklärung.

Mit seinem perfekt gefundenen (nicht erfundenen) Berichterstatter teilt Scola, wie in allen seinen Filmen, die seltene Gabe, zugleich parteilich und objektiv zu sein. Parteinahme für die Revolution macht nicht blind für die Vorzüge der vergangenen und die Nachteile der kommenden Zeit.

Der Italiener Ettore Scola ist ein politischer Filmemacher, doch von einer bei uns so gut wie unbekannten Sorte: Seine Filme, ebenso unterhaltsam wie intelligent, wollen argumentieren, nicht indoktrinieren. In Italien und Frankreich nennt man Scola längst in einem Atemzug mit Antonioni und Fellini, scheut sich nicht vor Vergleichen mit Rossellini, Pasolini oder Visconti

Doch anders als diese Heroen des italienischen Kinos drückt sich Scola nicht in einer einheitlich stilisierten Bildersprache aus. Nicht ein einziges Bild, nur ein ganzer Film zusammengenommen kann "typisch" Scola sein. So wenig wie typische Bilder gibt es typische Genres, Farben, Figuren, Geschichten. Und doch sagt Scola von sich, er mache immer denselben Film. Die Einheit seiner Filme ist die Sicht des Autors.