Die Deutsche Bundespost bringt sich um ihren guten Ruf, der zumindest im internationalen Vergleich mit Recht so schlecht nicht ist – oder so schlecht nicht war, wie man wohl bald wird sagen müssen. Seit Wochen liegen sich Opposition und Postminister nun schon in den Haaren. Der eine dementiert dabei immer fleißig, was die anderen nicht minder fleißig behaupten, nämlich daß es bald höhere Gebühren im gelben Postbereich gibt, zumindest aber eine recht drastische Verschlechterung bei den Dienstleistungen. Am Ende aber durfte man doch der Post und ihren Verantwortlichen glauben, wenn nach dem Minister auch noch einmal ein Staatssekretär (ZEIT Nr. 19) bekräftigt: entschieden werde erst im kommenden Jahr, wenn entsprechende Gutachten vorliegen.

Doch kaum ist das ausgesprochen, da kündigt die Deutsche Bundespost zur allgemeinen Überraschung an, sie werde von nun an die Briefkästen, die meisten wenigstens, nicht mehr an Vormittagen leeren. Nach dem Verzicht auf die Nachtleerung, die nach dem Prinzip der Salamitaktik schon etwas früher angekündigt worden war, nun also die nächste Negativ-Nachricht. Auf die Vormittagsleerung könne gut verzichtet werden, lautet die offizielle Begründung; für den Kunden mache es überhaupt nichts aus. Und ein Sprecher der Post hat dann noch die Stirn zu sagen: "Ob der Brief im Kasten liegt oder auf dem Postamt, ist letzten Endes belanglos." Ja sicher, nur: bislang ging der Kunde doch wohl davon aus, daß die Post das ihr anvertraute Gut nach jeder Leerung sofort auf den Weg gebracht hat. Nun stellt sich sogar das als Trugschluß heraus. Wer hätte gedacht, daß die gelbe Post schon so heruntergekommen ist?

E plus eins lautete einst der Ehrgeiz der Deutschen Bundespost, und das hieß: heute eingeliefert, morgen beim Empfänger. Die Realität des Jahres 1984 teilte soeben der Verband der Postbenutzer mit: Nur knapp die Hälfte der heute in den Kasten gesteckten Post ist morgen beim Empfänger, beim Rest heißt es nur noch: E plus zwei, drei und vier. Der Verzicht auf die Vormittagsleerung bedeute überhaupt keine Verschlechterung der Dienstleistung, erklärt der Postminister. Kann man sich den Chef eines Auto- oder Computerunternehmens vorstellen, dem nichts anderes einfällt als die Versicherung, sein Produkt habe sich nicht verschlechtert? Mehr Qualität ist das, was der Kunde erwartet, zumal doch allenthalben von neuen Technologien die Rede ist, die alles sehr viel vereinfachen, vor allem verbessern. Sollten da nicht auch ein paar Brosamen für die gelbe Post abfallen, bei soviel Milliarden fürs Kabel? Doch man wird noch eine Weile warten müssen, bis man wieder etwas Positives von der gelben Post hört. Zunächst arbeitet ja ein Marktforschungsunternehmen an Maßnahmen, die der Post guttun sollen. Vor Frühjahr 1985 wird es mithin kaum etwas Neues über die gelbe Post geben; und bis dahin ist noch reichlich Zeit, sich eine Menge neuer Hiobsbotschaften für Postkunden auszudenken.

Ob es nach dem Gutachten 1985 viel Erfreuliches zu berichten gibt, darf auch bezweifelt werden. Gebührenerhöhungen sind – spätestens ab 1986 – sicher. Immerhin könnte es gelingen, wenigstens ein Konzept auf die Beine zu stellen. Überfällig ist es längst, spätestens seit dem Amtsantritt von Schwarz-Schilling. Hätte er gleich damit begonnen und auf Einzelmaßnahmen wie Nacht- und Vormittagsleerung bis zur Vorlage des Konzepts verzichtet, dann stünde der Postminister heute besser im Ruf.

Wolfgang Hoffmann