Von Ralf Dahrendorf

Es gibt eine Illusion der Linken wie der Rechten, und sie ist doch eine Illusion: daß nämlich Bildung – die Schule, die Lehrer – zu grundlegenden Veränderungen der Gesellschaft führt. Beide Seiten befürchten es, beide Seiten erhoffen es, und beide Seiten irren. Das Bildungswesen gehört tatsächlich nicht zu den prägenden Kräften der Gesellschaft (was immer die Prägekraft der Bildungseinrichtungen für den einzelnen sein mag). Es spiegelt die obwaltenden Umstände weit mehr als es sie bestimmt. Dies ist offenkundig eine These, die überzeichnet. Zum Beispiel wissen wir, daß Schulen und Hochschulen zuweilen den "obwaltenden Umständen" hinterherhinken. Sie wandeln sich oft langsamer als wirtschaftliche und gesellschaftliche Verhältnisse; sie haben ihre eigene Schwerkraft. Dafür gibt es extreme Beispiele. Manche "alte" Universität in Entwicklungsländern hat nur mühsam den Anschluß an die Wandlungen der letzten Jahrzehnte gefunden. In mancher überlieferten Schulform wird auch eine Gesellschaftsform von gestern aufbewahrt. Das muß nicht schlecht sein. Es kann zur Vielfalt der Wahlchancen in einer Gesellschaft beitragen. Die allzu enge Kopplung des Bildungswesens an "obwaltende Umstände oft unter dem irreführenden Namen der "Relevanz", ist zumeist auch eine Bedrohung der Qualität.

Es kann auch sein, daß Bildungseinrichtungen, oder zumindest manches, das in innen geschieht, den "obwaltenden Umständen" vorauseilt. Das ist ein eher schwieriger Gedanke. Er hat seinen Sinn vor allem dort, wo Einrichtungen der Bildung zugleich der Erkundung offener Grenzen, also der Forschung sind. Forschung kann – sollte – grundsätzlich nicht durch die "obwaltenden Umstände" gefesselt sein. Sie sucht immer nach neuen Ufern. Sie müßte also längst in der Informationswissenschaft (gewesen) sein, wenn die Produktion noch Massenproduktion von Konsumgütern oder Werkzeugmaschinen oder Anlagen ist. Auch darum sind Hochschulen stets eher unbequeme Einrichtungen. Sie überschreiten das Vorhandene, jedenfalls in ihrer Humboldtschen Idee.

Indes löst weder das eine noch das andere den Nexus zu den "obwaltenden Umständen". Es bleiben die Grade und Diplome, die diesen Zusammenhang bekräftigen.