Manche Zeitgenossen, recht viele sogar, waren keineswegs glücklich darüber, daß der 51jährige Otto v. Bismarck die Kugeln aus dem Revolver des jungen Ferdinand Cohen-Blind, die ihn am 7. Mai 1866 Unter den Linden in Berlin aus unmittelbarer Nähe trafen, überlebt hatte – noch dazu unverletzt. Zwar schrieb die preußische Kronprinzessin Viktoria ihrer Mutter, der Königin von Großbritannien und Irland: "Es ist besser so – besser Bismarck bleibt am Leben, um die Konsequenzen seiner unverantwortlichen Verrücktheit zu erleben, denn als Märtyrer zu sterben", die Queen aber antwortete ihr fünf Tage nach dem Attentat ziemlich ungerührt: "Ich kann nicht zustimmen, daß es besser sei, daß Bismarck nicht erschossen worden ist."

Queen Victoria begründete ihren Standpunkt mit einer Anspielung auf Bismarcks Machtpolitik, die, für jeden erkennbar, den Krieg zwischen Preußen und Österreichern unausweichlich heraufbeschwor: "Die armen, unschuldigen, friedfertigen Menschen wollen sich nicht gegenseitig die Kehlen durchschneiden. Sie hassen alle diejenigen, die sie dahinein getrieben haben!" Und dann ragte die Queen noch hinzu: "Die Leute hier denken, daß man alles absichtlich inszeniert habe, und sie glauben nicht, daß der Mann wirklich versucht hat, Bismarck zu erschießen – außerdem, warum ist es ihm nicht gelungen?"

Noch heute, nach 118 Jahren, sind über das Attentat des aus Baden stammenden 22jährigen Ferdinand Cohen-Blind verschiedene Versionen in Umlauf, auch bei Historikern. Einige sehen darin die Tat eines Psychopathen, andere das Verbrechen eines Polit-Kriminellen. Wiederum andere – wie noch jüngst der englische Historiker Andrew Sinclair – sind davon überzeugt, daß es sich um "einen von Bismarck geschickt gegen seine eigene Person inszenierten Mordanschlag gehandelt habe, mit dem Ziel, politische Gegner mundtot zu machen und die Bevölkerung Preußen-Deutschlands auf den unmittelbar mit Österreich bevorstehenden Krieg einzustimmen".

Mit dem Hinweis auf diese Versionen beginnt Julius H. Schoeps, Professor für Politische Wissenschaft an der Universität Duisburg, sein Buch "Bismarck und sein Attentäter", in dem er den Fall von allen Seiten ausleuchtet*. Das Buch ist im wesentlichen eine Dokumentation. Schoeps legt die Quellen und Dokumente vor, die das Ereignis, seinen Hintergrund und seine Folgen betreffen: über den Tathergang, über den Täter, über Bismarcks Verhalten und sein wiederholtes Eingreifen in die polizeilichen Ermittlungen, die auf seinen Befehl bis nach England ausgedehnt wurden, wo Bismarck die Hintermänner einer gegen ihn gerichteten Verschwörung vermutete. Denn dort lebte der ehemalige 48er-Revolutionär Karl Blind, der Stiefvater des Attentäters, im Exil, und gab die Zeitschrift Der deutsche Eidgenosse heraus, die sich als "Organ für alle Diejenigen" verstand, "die den Sturz der Tyrannen und die Aufrichtung des Freistaates anstreben".

Diese Dokumente, Augenzeugenberichte, Vernehmungsprotokolle, Zeitungsartikel, Parlamentsmitschritten, Briefe, Tagebuchaufzeichnungen und vieles andere erläutert Schoeps knapp und präzise und versieht es mit notwendigen Anmerkungen. So entstand über dieses Attentat, das zwar "nur eine Marginalie", eine "historische Fußnote" blieb, und das "auf den Verlauf der Geschichte keinen Einfluß gehabt hat", ein höchst lesenswertes Buch. Dem Leser vermittelt es interessante politische Einblicke, überläßt es ihm aber selbst, daraus Schlüsse zu ziehen, Vergleiche anzustellen und zu fragen, was ein anderer Ausgang des Attentats hätte bewirken oder verhindern können oder ob nicht auch dieser Ausgang letztendlich eine ganz entschiedene Wirkung hatte.

Unzweifelhaft ist, daß der Anschlag Bismarck gelegen kam. Die Behauptung, er habe ihn selber inszeniert, sei nachweislich falsch, sagt Schoeps, aber Bismarck hat es verstanden, das Attentat für seine Zwecke auszuschlachten. Und dies von Anfang an. Als er an jenem Abend nach Hause kam, begrüßte er zunächst Gäste, auch den Hauslehrer seiner Söhne, ging in sein Kabinett, fragte, als er in den Salon zurückkam, "Warum essen wir denn heute gar nicht?" und wandte sich erst dann an Johanna, seine Frau: "Mein Kind, heute haben sie auf mich geschossen, aber es ist nichts."

Bei Tisch erzählte er die Einzelheiten, so wie er es noch oft tun sollte, nicht nur alljährlich am 7. Mai, den er zu einer Art Gedenktag für sich machte: Wie er, so gegen halb sechs, vom König kommend, Unter den Linden auf dem Fußweg zwischen den Bäumen dicht hinter sich zwei Schüsse hörte, sich umdrehte – "ohne zu denken, daß mich das anginge" – und wie er da zwei Schritte vor sich "einen kleinen Menschen" mit dem Revolver auf sich zielen sah, ihn sofort an der rechten Hand und zugleich am Kragen packte, während der aber noch zweimal auf ihn schoß, ehe er von herbeieilenden Schutzleuten und Soldaten des zweiten Garderegiments festgenommen und abgeführt wurde. "Als Jäger sagte ich mir: die letzten beiden Kugeln müssen gesessen haben, ich bin ein toter Mann. Eine Rippe tat zwar etwas weh, ich konnte aber zu meiner Verwunderung bequem nach Hause gehen. Hier untersuchte ich die Sache. Ich fand Löcher im Überzieher, im Rock, Weste und Hemde; an der seidenen Unterjacke aber waren die Kugeln abgeglitten, ohne die am zu verletzen..." (so aufgezeichnet von dem Gast Robert Keudell).