ZDF, Montag, April: "David und Goliathüber über Widerstand gegen Schnellstrecken der Bahn berichtete Herbert Stelz

Ein ganz gewöhnlicher und doch ein außerordentlicher Bericht – eine Dokumentation von Herbert Stelz über Bürger, die durch den Schnellstreckenbau der Deutschen Bundesbahn in ihrer Existenz betroffen worden sind: Das Dorf kaputt, das Feld erledigt, der Hof verdorben, die Umwelt zerstört. Menschen bleiben auf der Strecke, die der Bund für Express-Züge baut. Ähnliches wurde oft gezeigt, aber nur selten mit der Anschaulichkeit und dem Witz, die diesem ganz gewöhnlichen Film (gewöhnlich, was das Thema angeht: ohnmächtige Einzelne im Kampf gegen eine selbstgerechte Bürokratie) den Charakter des Außerordentlichen gaben.

Außerordentlich zum ersten, weil der Aberwitz von Planungsbehörden, denen Wirtschaftlichkeit viel, humanes Interesse so gut wie nichts gilt, durch den Einfallsreichtum der Betroffenen in bisher noch nicht gesehener Deutlichkeit veranschaulicht wurde: Da kletterte ein Bauer auf eine ausgefahrene Feuerwehrleiter, um in schwindelnder Höhe die Erhebung eines Bahndamms zu demonstrieren, der seinen Hof zu einem Haus im Schatten machen würde, und da demonstrierte ein anderer Bauer die Absurdität der sogenannten Mittlungspegelung (mit der Lärmbelästigung durch Züge, die alle zwei Minuten mit 250 kmh vorbeibrausen, sind die stillen Zeiten dazwischen zu verrechnen), indem er den ihn interviewenden Filmemacher fragte, ob der sich etwa wohlfühlen würde, wenn er mit seinem Hintern auf einer glühenden Platte säße, aber die Beine im kühlen Wasser hätte, also eines angenehmen Mittlungspegels teilhaftig sein werde.

Außerordentlich, zum zweiten, war dieser scheinbar ganz gewöhnliche Film, weil Menschen zu Wort kamen, deren Betroffenheit sich in der Sprache niederschlug: Ein Bauer sprach von seinem Gut angesichts der Trassen, als sei es schon jetzt dahin, im Perfekt: Ä gsunds Betrübte hin i gehett. Da artikulierte sich eine Resignation, die, und das zu Recht, von Mißtrauen begleitet war: Erst unsere Reden und Argumente, und dann hat die Bundesbahn das letzte Wort – da machen wir gleich gar nicht erst mit! (Es wäre zu wünschen, daß noch mehr vom Fernsehen aufgeforderte kleine Leute so argumentieren: "Ich stehe nur Rede und Antwort, wenn ich gewiß sein darf, am Schluß nicht von den Großkopfeten in die Pfanne gehauen zu werden .)

Und schließlich das dritte: Der alltägliche Film war deshalb so außerordentlich, weil er sich zur Problemerhellung eines Mittels bediente, das im Fernsehen nahezu ausgestorben ist: der Ironie. Statt den Leiter einer Projektgruppe, der sich rühmte, näher als mancher der Betroffenen an einer Bahntrasse zu wohnen, exponierter dazu noch... statt diesem Mann, da er im Brustton der Überzeugung redete, Glauben zu schenken, schaute man ihm auf die Finger – und das in einer Weise, die den Betrachter am Bildschirm in helles Entzücken versetzte: Ein Auto trat ins Blickfeld, das sich mit Tempo 50 von einer Eisenbahntrasse entfernte, geraden Wegs aufs Haus des Herrn Diplom-Ingenieurs und Projektgruppenleiters zu ... und dieses Auto fuhr und fuhr immer noch, als schon der Abspann erreicht war, und dann endlich tauchte es auf, das Häuschen, weit, weit entfernt von der Bahn, in angenehmer Idylle, hingekuschelt wie die Landschaft, bevor die Bundesbahn zu trassieren begann.

Wirklichkeit und Ideologie und das Wiegen mit zweierlei Maß – auf den Begriffgebracht durch Ironie und couragierten Witz: Wie selten geschieht dergleichen im Fernsehen und will deshalb, wenn es sich doch einmal ereignet, gebührend gelobt sein. Was hiermit geschieht.

Momos