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Zu den publikumswirksamsten Beschäftigungen der Meinungsforscher gehört die Frage nach "der Jugend". Was denkt die Jugend? Was will sie aus ihrer Zukunft machen? Der Versuch, in die Köpfe und Herzen der Jugendlichen zu schauen,, ist offenbar ebenso faszinierend wie der Blick in die Sterne. Mit Astrologie hat so manches gemein, was uns da alle paar Monate von Feldforschern und Statistikfabrikanten an neuen Trends oder alten Hüten geliefert wird: leichtfertig in der Methodik, kühn in der Verallgemeinerung, manchmal geradezu skrupellos in der Interpretation für die eigenen politischen Zwecke.

In der vergangenen Woche veröffentlichte die FAZ eine Jugendstudie der Konrad-Adenauer-Stiftung (no future ist vorbei. Leistung, Karriere, Zuversicht sind angesagt, die Enkel Adenauers wird es freuen). Vor vier Wochen erschienen die ersten Ergebnisse "einer der umfassendsten Jugenduntersuchungen der deutschen Forschungsgeschichte" (Stuttgarter Nachrichten). Das Projekt mit dem aufwendigen Titel "Integrationsbereitschaft der Jugend im sozialen Wandel" wurde von der Volkswagenstiftung finanziert und von zwei Sozialwissenschaftlern der Frankfurter Universität ausgeführt. Seriöser in der Methode, behutsamer in der Analyse, unterscheidet sie sich zunächst einmal wohltuend von der Shell-Studie, die sich dank des großen propagandistischen Aufwands der Hersteller prächtig verkaufte und wochenlang die Medien beschäftigte.

Doch von einer anderen Besonderheit dieser Untersuchung soll hier die Rede sein: Zum erstenmal wurden ausländische Jugendliche nicht ausgespart. Etwas, was eigentlich selbstverständlich sein sollte, meinten die Autoren Klaus Allerbeck und Wendy Hoag. Sie wollten wissen: Sind die jungen Ausländer der Jahrgänge 1964 bis 67 bereit, sich zu integrieren, und sind ihre deutschen Altersgenossen bereit, sie anzunehmen? Befragt wurden junge Italiener, zur ältesten Gastarbeiternation gehörig, und junge Türken, die jüngste vertretend, in Städten Baden-Württembergs, einem Bundesland, das besonders rigide mit Ausländern umspringt.

Zunächst einmal konnten sie mit einem Vorurteil aufräumen, das in ihren eigenen Kreisen grassiert: Türken, besonders türkische Mädchen, könne man gar nicht befragen, sie würden argwöhnisch bewacht, Kontakt zu Fremden sei ganz ausgeschlossen. Doch was notierten die Interviewer? "Große Freude vieler türkischer Familien darüber, daß auch sie einmal nach ihrer Meinung gefragt würden".

Auf deutscher Seite stellte sich sehr schnell heraus, daß die Türken der "Inbegriff der ,Gastarbeiter‘ sind", die Ausländerfrage also eine reine Türkenfrage ist, die Türken am wenigsten geschätzt werden.

Hier gibt es allerdings Unterschiede. Je niedriger die Schulbildung, desto negativer die Meinung über Gastarbeiter. Doch die Autoren warnen: "Negative Meinungen können auch Resultat realer Konkurrenz um knappe Ressourcen sein: Die ausländischen Arbeitnehmer konkurrieren mit der Unterschicht und mit der Arbeiterschaft, nicht mit der mittleren Oberschicht um Arbeitsplätze, Wohnungen, Freizeitgebiete."

Der nächste Befund: "Die Einstufung der Türken ist bei den Anhängern der CSU am niedrigsten, bei den Anhängern der Grünen am höchsten. Je höher jedoch die soziale Schicht ist, desto stärker sind die Zusammenhänge zwischen Ausländereinstufung und Parteipräferenz." Ganz oben scheint nur noch die dicke Luft reiner Ideologie zu herrschen.

Das Kreuz mit den Deutschen – Seite 2

Die Forderung an die Türken lautet allenthalben: Integriert euch! Die Aussichten auf Integration sind besser, als bisher angenommen, aber, schreiben die Autoren, "für uns ist aus den Daten deutlich geworden, daß die Ausländerfeindlichkeit zu einem realen Integrationshemmnis zu werden droht – gerade für diejenigen, die für eine Integration die besten Voraussetzungen mitbringen".

Das sind jene Jugendlichen, die 13 Jahre und länger hier sind, die unsere Sprache sprechen, sich dem Leben hier angepaßt haben. Sie nehmen die Feindseligkeit besonders stark wahr.

Schon aus den ersten Interpretationen ihrer Befragung türkischer Jugendlicher (und deutscher), die in dieser Woche veröffentlicht werden, ergeben sich Fragen an die Politik: Sind die geplanten Maßnahmen, die Zahl der Türken zu halbieren, richtig, um die Integration derer, die hierbleiben, zu fördern? Ist das Lockmittel Rückkehrprämien in Form von Auszahlungen der Sozialversicherungen wirklich sinnvoll? "Der materielle Anreiz wäre ja für die Familien am größten, die am längsten in der Bundesrepublik arbeiten, deren Integrationsprozeß am weitesten fortgeschritten ist."

Manches Resultat der Umfrage legt ganz andere politische Ansätze nahe, wenn man die Integration der Gastarbeiter wirklich will. Margit Gerste