Im Jubiläumspark von Bad Homburg sitzt eine Dame mit verschränkten Beinen und hält eine Wasserschale in Brusthöhe, ohne sich um die beiden Panther, die sie bedrängen, zu kümmern. Eine schöne Gruppe, ein schöner Brunnen, dessen Name – Durstbrunnen – allerdings undurchschaubar bleibt.

Der Durstbrunnen ist eine der zahlreichen allegorischen Darstellungen, die dem Bildhauer Hans Dammann, geboren 1867, den Ruf eines "bekannten Friedhofskünstlers" eingebracht haben; er weist die gleiche glatte Eleganz und exakte Dosierung von Pathos und von Kühle auf, die Dammann auf dem Friedhof Hamburg-Ohlsdorf und sogar auf dem Campo Santo in Rom vorexerziert hat. Doch Ironie wäre fehl am Platz, bedenkt man, daß sogar Michelangelo sich für Grabmäler nicht zu schade war.

Der übrigens immer trockene Durstbrunnen wirft andere Rätsel auf, seine Figur hat schon zu phantasievollen Auslegungen angeregt, sogar einen Bodhisattwa hat man in ihr sehen wollen. Frauengestalten mit Urnen oder Schalen, vor allem aber Panther, waren freilich übliche Motive beim Übergang von spätem Jugendstil zum Art deco. Das Rätsel liegt ganz woanders. Es gilt auch für die Karyatiden, die Kaiser Wilhelm II. demselben Künstler bei der Neugestaltung des Elisabethenbrunnens 1916-18 in Auftrag gab. Mit deutlicher Spätjugendstil-Komponente gehörten sie eben jener Kunstrichtung an, die dem Kaiser, wie er es selbst formulierte, "nicht paßte". Trotz extremer Reduzierung der naturalistischen Elemente und trotz geometrischer Stilisierung fanden die neuen Nymphen dann doch den Beifall des hohen Herrn. Wie durch Zufall. Es war aber zu spät, Bad Homburg hatte seinen Jugendstil verpaßt.

Der Jugendstil als Durchbrach einer Kunstära, als Ausdruck neuer Denkkategorien, als soziale Bewegung oder als rein ästhetisches Experiment war überall auf konservativen Widerstand gestoßen. Um die Jahrhundertwende war Homburg zwar Treffpunkt einer kosmopolitischen, sogar exzentrischen Gesellschaft, aber vor allem war es als Fürstenbad und kaiserliche Sommerresidenz bekannt. Das prägte die Stadt, und auch die Anwesenheit vorwiegend britischer Kurgäste mit ihrer Vorliebe für gotische Reminiszenzen beeinflußten die Architektur.

So kam es, daß sich Jugendstil in Bad Homburg sehr spärlich entwickelte, aber wo er sich entfaltet, zeigte er seine ganze Eigenwilligkeit. Da bildet Eisen raffinierte Geflechte, schießt in tolle Alraunen auf, erblüht in phantastischen Lilienkelchen. Auf der Oberen Kaiser-Friedrich-Promenade wogt der Giebel der Villa Nova, rollt eine Flut von Sonnenblumen dem Morgenlicht entgegen.

Obwohl der alte, vom Landgrafen 1719 gestiftete Narzißbrunnen längst nicht mehr dort steht, lohnt es sich, an der Ecke Louisenstraße-Haingasse ein wenig zu verweilen: Schräg gegenüber erhebt sich eine zauberhafte Jugendstil-Fassade, deren Fenster von creme- und rosafarbenen Blumenranken eingerahmt sind. Der Schwung der vegetativen Ornamente, die Gliederung der Pfosten und Fensterkreuze sind beispielhaft für die hohe Zeit dieser Kunstform. Ein weiteres schönes Beispiel hohen Jugendstils in der ganzen Pracht seiner florealen Inspiration bietet eine Villa der Augusta-Allee: alles sehr exotisch mit Drachen und Lotos, mit Lianen und japanisch anmutenden Türen. Bemerkenswert ist auch die Villa Ecke Landgrafenstraße und Gymnasiumstraße – rechts, wenn man zum Park schaut.

Manche Zeugnisse des Jugendstils in Bad Homburg, etwa die Nymphe, die unter zwei Urnen den Stahlbrunnen scnmückte, sind heute verschwunden, aber es bleiben noch gerade soviel davon, die Suche zu würzen, gerade so wenig, die Freude der Entdeckung zu steigern.

Gabriele Wittkop-Ménardeau