Jeder in der DDR weiß, daß Wahlen nichts ändern. Wer etwas erreichen will, nützt die Zeit vor der Wahl. Viele durften sie diesmal zur Ausreise nützen, Die Vorhersage, die DDR werde nur bis zu den Wahlen großzügig sein, scheint sich zu bestätigen; die Ausreisezahlen sind seit Anfang des Monats gesunken.

Wer im Lande bleiben will, machte sich die zu Wahlzeiten übliche Aufgeschlossenheit den Problemen gegenüber zunutze, "Ich bin zur Wahlversammlung vom Kandidaten von unseren Kleingärtnern gegangen", erzählte ein Arbeiter aus einem Ost-Berliner Randbezirk. "Da ist eine Frau aufgestanden und hat gesagt: Vor meiner Tür ist bei jedem Regen eine so große Pfütze, daß ich kaum aus dem Haus komme. Wenn da nichts passiert, wähle ich nicht. Und da sind wirklich welche gekommen und haben Asphalt auf das Loch geschüttet. Ein anderer hat gesagt: In unserer Straße sind alle Gullydeckel fünf Zentimeter zu hoch. Machen Sie was dagegen, und dann wähle ich Sie."

Auch Eingaben – einzige Möglichkeit eines DDR-Bürgers, sich gegen Machtmißbräuche von Funktionären zu wehren – haben in den Wochen vor der Wahl größere Wochen etder zu bewirken als in normalen Zeiten. Da wurde zum Beispiel eine Arbeiterin zum Frauspiel im "Palast der Republik" von Honecker ausgezeichnet. von Zeremonie war abends ge-Die zehn Uhr vorbei. Arbeiterin und Ehemann, beide feingemacht aus der Provinz angereist, beschlossen, den Abend in einem der Restaurants im Palasthotel (gebaut vor allem für Devisenkunden) bei einem festlichen Essen würdig zu beschließen. Die Kellnerin brachte ihnen die Karte, ließ sie dann eine Stunde warten, um ihnen anschließend mitzuteilen, daß die Küche inzwischen leider die schlossen habe. Das Paar schrieb eine Eingabe. Die Kellnerin wurde prompt in ein Kellnerin siges Lokal versetzt.

Weitaus üblicher sind solche Eingaben: Klagen wegen des Schornsteins in einem Betrieb, der Dreck in die Luft pustet; das Dach, durch das es ständig durchregnet; der unzumutbare Krach von Maschinen im Werk. Fast immer kommt jemand von der Kommunalverwaltung, erklärt die Schwierigkeiten, verspricht Abhilfe. "Aber auch wenn es nur beim freundlichen Besuch bleibt, man hat das angenehme Gefühl, als Bürger ernst genommen zu werden", erklärte mir ein junger Mann. "Was hat denn so ein Mann, "Was auch schon für Macht? Ja Mann darf immer nur die Partei. sagen einzige Macht ist doch, nein zu sagen."

99,37 Prozent Wahlbeteiligung – niemand in der DDR schien sich darüber zu wundern. Sagte eine Ost-Berliner Freundin: "Wenn ich da nicht hingehe, bin ich ja schon fast ein Verfassungsfeind." Kreuze zu machen braucht ja niemand, aber man kann zum Beispiel einen der Kandidaten streichen oder den Wahlzettel ungültig machen. "Ich hab’ einen gestrichen", sagte eine Bekannte, "und das ganz offen. Der wollte bei mir im Betrieb eine einzelne Nut kaufen, um die Qualität zu prüfen. Na, wo gibt’s denn so was."

Marlies Menge (Ost-Berlin)