Von Christian Schmidt-Häuer

Sofia/Plovdiv, im Mai

Der Fahrer von Konstantin Tschernjenko hat den Anschluß verpaßt. Die Maiparade ist längst vorüber, die Konterfeis des sowjetischen und des bulgarischen Politbüros sind bereits abtransportiert, als der Gabelstapler mit dem einsamen Porträt des sowjetischen Parteichefs durch die gelassen heiteren, gepflegt gekleideten Spaziergängerscharen rollt. Das wendige Gefährt, das zu den bulgarischen Monopolerzeugnissen im Ostblock gehört, kutschiert den abgebildeten Führer der politischen Monopolmacht vorbei an dem auf hohem Rosse thronenden russischen Zaren Alexander II. hinauf zur Nevski-Kathedrale. Der bronzene Zar und die Kirche mit den goldenen Kuppeln bezeugen Bulgariens Dankbarkeit für die Befreiung vom Türkenjoch 1878. Und sie zeigen gleichzeitig, daß die kommunistischen Slawen-Apostel am Russischen Boulevard in Sofia nie peinlich berührt unterschieden haben zwischen dem alten Zarenreich und dem neuen Sowjetstaat. Nur: Ist die traditionelle Bruderschaft auch heute noch die alte?

Als das Porträt Tschernjenkos noch im Kollektiv der Maiparade an der Staats- und Parteiführung auf der Balustrade des Dimitrov-Mausoleums vorüberglitt, wurde es von einer Forderung flankiert, die Moskau derzeit nicht übermäßig schätzt. Direkt neben dem Bild des Kremlchefs rollte die Parole: "Atomwaffenfreie Zone auf dem Balkan". Suchen jetzt auch die Bulgaren, deren vermeintliche Moskautreue vielejahre lang Stoff für Anekdoten und geflügelte Worte lieferte, ihren eigenen Weg von der Konfrontation der Supermächte zur europäischen "Sicherheitspartnerschaft" – wie Ungarn, die DDR, Rumänien?

Die Antwort lautet: Die Bulgaren werden dem großen Bruder auch weiterhin bereitwilliger als manche anderen den unvermeidbaren Tribut zahlen. Aber sie zahlen inzwischen mit eigener Münze – wie bei jenen importierten Telephonapparaten sowjetischer Bauart, an deren Schlitz noch heute "2 Kopeken" steht. Sie funktionieren auch, wenn man zwei bulgarische Stotinki hineinsteckt. Und im übertragenen Sinn nutzen die Bulgaren das Telephon besser: Während Moskau die Direktverbindungen mit den kapitalistischen Ländern nach den Olympischen Spielen bald wieder gekappt hat, läßt sich von Sofia aus sofort nach Westeuropa durchwählen. So besagen sowjetische Apparate im Lande selten alles über Bulgariens Verbindungen und Leistungen, gelegentlich liefern sie sogar Pointen wie diese: Während in Moskau Auslandsgespräche heute wieder von Hand vermittelt werden, exportiert Sofia aus ökonomischen Gründen über 90 Prozent der in Bulgarien hergestelltem automatischen Telephonzentralen in die Sowjetunion.

Bulgarien ist auch weiterhin das einzige Land im Ostblock, unter dessen neun Millionen Einwohnern sich keine antisowjetische Stimmung ausgebreitet hat. Doch Sofias Bereitschaft, als Erfüllungsgehilfe der Sowjets zu agieren, hat seit Ende der siebziger Jahre langsam, aber stetig abgenommen. Der erste Slawen-Staat in der Geschichte, schon hundert Jahre vor Polen christianisiert, beschwört inzwischen offen die Vergangenheit und lehrt die krisengeplagten Bruderstaaten die Bewältigung der Gegenwart.

Weil das Bauernland Bulgarien einst als einziger Ostblockstaat seine Industrialisierung nicht auf Kosten der Landwirtschaft durchpeitschte, hat es heute – fast "westeuropäisch" – Uberschußprobleme mit Käse und Butter. Gegen die Versorgungsmisere der Bruderländer schottete sich Sofia zeitweilig mit 200- bis 300prozentigen Ausfuhrzöllen ab. Obwohl das Land keine Rohstoffe besitzt, hat es mit nur zwei Milliarden Dollar die niedrigsten Westschulden im ganzen Ostblock. Es gehört zu den wenigen Staaten der Welt, die ein reales Wirtschaftswachstum aufweisen können. Bulgarien praktiziert seit Anfang 1982 eine Wirtschaftsreform, die Dezentralisierung zum Ziel hat, aber vorerst den Markt mehr simuliert als mit ihm stimuliert – Moskau braucht von diesem Neuen ökonomischen Mechanismus keine kapitalistischen Auswüchse zu befürchten wie in Ungarn. Es gibt keine Arbeiterunruhen wie in Polen, Keine außenpolitischen Sprünge und wirtschaftlichen Zusammenbrüche wie in Rumänien, keine Friedensbewegungen und Auswanderungswünsche wie in der DDR. Sofia hatte keinen Frühling wie in Prag und nie Dissidenten-Probleme wie in Moskau. Anders auch als im Kreml ist die Parteiführung früh genug verjüngt worden, das Politbüro hat heute ein Durchschnittsalter von 55 Jahren. Anders als in allen übrigen Bruderländern schließlich gibt es keine permanente Unzufriedenheit: Der 73jährige Staats- und Parteichef Todor Shivkov ist zwar nicht so anerkannt wie der Ungar Kádár, aber sein Regime wird von den Bulgaren – die in ihrer Geschichte freilich schon viel hingenommen haben – einigermaßen respektiert.