Was seinem Vorsitzenden in der Hauptversammlung partout nicht über die Lippen wollte, hat der Thyssen-Aufsichtsrat jetzt beschlossen: eine Vertrauenserklärung für den Vorstandsvorsitzenden Dieter Spethmann und seine Kollegen. Mehr noch – schon jetzt wurde Spethmann versichert, daß sein im Herbst 1985 auslaufender Vertrag verlängert wird.

Damit ist – so sieht es zumindest aus – die Krise an der Spitze des größten deutschen Stahlkonzerns beigelegt. Freilich nicht ohne persönliches Opfer; denn der bisherige Aufsichtsratsvorsitzende Harald Kühnen vom Kölner Privatbankhaus Sal. Oppenheim ist aus dem Aufsichtsgremium ausgeschieden. Sein Kollege Will Marx soll in den Thyssen-Aufsichtsrat berufen werden, freilich dort nicht wieder den Vorsitz übernehmen.

Den hat der Aufsichtsrat auf Günter Vogelsang übertragen, den früheren Krupp-Vorstandsvorsitzenden, der heute mit großem Erfolg als Berater tätig ist. Spethmann und Vogelsang sollen den Karren nun gemeinsam aus dem Dreck ziehen. Das heißt, daß sie vor allem die Probleme bei der Thyssen-Beteiligung Budd Company in den USA bereinigen.

Denn mit Budd hatte alles angefangen, und Kritik an Spethmann konnte sich auch nur daran entzünden, denn für die allgemeine Stahlmisere kann man die Thyssen-Bosse wohl nicht verantwortlich machen. Aber Budd, mit inzwischen fast einer Milliarde Mark Verlust, ist ein selbstgemachtes Problem. Und wenn der Aufsichtsrat auch dem Kauf dieser Firma nach gründlicher Prüfung zugestimmt hatte, so fanden doch einige seiner Mitglieder Ansatzpunkte zu Kritik in der Art und Weise, wie Spethmann die Probleme anging. Zu Kritik in diesem – aber nur in diesem – Punkt bekennt sich auch Hans-Günther Sohl, der Ehrenvorsitzende des Unternehmens.

Bei einem Treffen in München einigten sich Vertreter der Anteilseigner im Februar darauf, man müsse Spethmann den Rücktritt nahelegen. Harald Kühnen übernahm den undankbaren Auftrag, hat dies freilich in der Hauptversammlung weder bestätigt noch bestritten. Spethmann war jedoch keineswegs bereit, das Handtuch zu werfen. Dennoch schien es vielen nur noch eine Frage der Zeit, wann er unter dem Trommelfeuer mehr versteckter als offener Kritik mürbe werden würde.

Aber dann entstand ihm ein mächtiger Helfer in der Gestalt des argentinischen Edelmannes Claudio Graf Zichy-Thyssen. Dieser, ein Urenkel des Firmengründers August Thyssen, hält zusammen mit seinem Bruder Federico rund zwanzig Prozent der Thyssen-Aktien. Und mit diesem Gewicht schlug er sich voll auf die Seite Spethmanns und machte Front gegen Sohl, Kühnen und Genossen.

In der Hauptversammlung tadelte Kühnen den Grafen noch, jetzt hat er das Handtuch geworfen – im Gegensatz zu anderen Aufsichtsratsmitgliedern, die mit mindestens gleicher Energie wie Kühnen an Spethmanns Stuhl gesägt haben. Nun haben sie dem einst bekämpften Thyssen-Chef das Vertrauen ausgesprochen, was hoffentlich mehr ist als ein Lippenbekenntnis.

Heinz-Günter Kemmer