Von Hanno Kühnert

Menschen, die sterben, sind in diesem Augenblick wehrlos. Ihre letzten Stunden, Tage oder Wochen sind sie von anderen Menschen abhängig. Nur ganz selten haben moribunde Patienten noch volle Handlungsfreiheit. Die meisten dämmern im Koma ihrem Tod entgegen, wobei niemand weiß, welche körperlichen und seelischen Schmerzen sie noch empfinden. Auch in der Zeit vor dem Verlust des Bewußtseins sind Sterbende auf andere angewiesen, wenn der Tod nicht plötzlich erscheint.

So verschieden, wie die Menschen sind, so verschieden sterben sie auch. Und so verschieden sind auch ihre – meist unklaren – Vorstellungen von ihrem eigenen Tod, solange sie noch leben. Die meisten verdrängen ihren Tod als noch weit in der Zukunft liegend und deshalb nicht klärungsbedürftig. Seltsamerweise denken sie eher daran, ihr Hab und Gut in die richtigen Hände zu bringen, als ihr eigenes Lebensende zu durchdringen und seine Alternativen zu gestalten oder wenigstens ins Auge zu fassen. Die Umgebung, der Lebensalltag, der Staat, die Institutionen, alles, was man "Gesellschaft" nennt, sie helfen nach Kräften dabei, den Tod beiseite zu schieben.

Dabei wissen alle Menschen, daß ihr Sterben unabwendbar ist, meist begleitet von Krankheit und Schmerzen. Und wir Heutige wissen untergründig noch mehr: Wir kennen die Segnungen und die Kälte einer Medizin, die uns alt werden läßt bis zum Sterben und auch dieses noch hinauszögern kann.

Bis ins 19. Jahrhundert mußten die Menschen intensiver mit dem Tod leben, denn die Krankheiten waren nicht beherrschbar; mit Mitte dreißig mußte man durchschnittlich seinen Tod erwarten. Das Sterben war allgegenwärtig. Montaigne hat in seinem Essay "Philosophieren heißt sterben lernen" dieses Lebensgefühl überliefert.

In unserem Jahrhundert wächst die Angst vor dem Sterben, weil der Tod nicht mehr offen auftreten darf, weil er in arbeitsteilige Kliniken verbannt wird, und auch durchaus, weil wir alle recht lange so leben können, als gäbe es unseren Tod nicht. Die Furcht vor dem Tod wächst untergründig auch, weil das Sterben unmenschlich und uneinsichtig verwaltet wird: Die fatale Diskussion über Julius Hackethals Hilfe für eine auf den Tod leidende Patientin zeigt ja, daß unsere Furcht, kein Glück bei Sterbeart und Sterbeort zu haben, begründet ist.

Betrachten wir den sterbenden Patienten etwas näher. Wir meinen jenen Menschen, der sich bereits zu Lebzeiten Gedanken über sein Sterben gemacht, der bestimmte Vorstellungen über die Mindestbedingungen humanen Sterbens gesammelt hat. Viele, wahrscheinlich die meisten Menschen denken zu Lebzeiten rasch über ihren Tod hinweg, und das gelingt ihnen schließlich so gut, daß sie ihren drohenden Tod auch nicht wahrhaben wollen, wenn sie schon im Sterben liegen. Da es nicht viele Möglichkeiten gibt, mit Sinn und Ziel über das eigene Sterben nachzudenken, weil die Wege zu einem selbstbestimmten Sterben sozial stark verbaut sind, weil über den Konsequenzen solchen Nachdenkens zudem zähe Tabus liegen, ist die Gruppe derer, die sich in den Tod eben treiben lassen, weitaus die größte.