Von Georg Weden

Rot gilt dem Volksmund als Farbe der Liebe, während Grün für die Hoffnung steht. Schwarz wird eine düstere Bedeutung zugemessen: Nicht zufällig sind Trauerränder schwarz. Ganz anders sieht es mit den Farben aus, wenn sich die Psychologen ihrer annehmen. Dies geschieht immer dann, wenn sie von interessierter Seite darum gebeten werden und es gilt, Licht in ein vermeintliches Dunkel zu bringen.

Ein schönes Beispiel für diese Zusammenarbeit bieten Autoindustrie und -handel, die aus Gründen eines stetigen Käuferzuspruchs gerne in die Seelen ihrer Kunden blicken möchten. Lassen sich damit eventuell eintretende Verhaltensänderungen doch rechtzeitig in die gewünschten Bahnen lenken.

In Großbritannien ist dies jüngst wieder geschehen: Sag mir, welche Farbe Dein Auto hat, und ich sage Dir, was für ein Mensch Du bist, lautet die Spielregel. Und was die Psychologen dabei herausfanden, liest sich so: Die Vorliebe für Rot als Autofarbe erscheint "bedenklich", weil diese Farbe die Aggressionen im Straßenverkehr steigert. In Deutschland entscheidet sich immerhin jeder fünfte Käufer für ein rotes Auto. Die Vorliebe für Grün als Autofarbe weist auf einen bedenklichen Charakter hin: rechthaberisch und streitsüchtig – fast eine Gefahr für den Straßenverkehr. Kein Wort von Hoffnung im Zusammenhang mit Grün. Schwarz und Braun werden Zeitgenossen zugeschrieben, die sich als "gesetzt" ansehen – damit sind offenbar ältere Autofahrer gemeint. Blau steht für unternehmungsfreudig, Weiß für Ausgeglichenheit. Fahrer gelber Autos hingegen neigen nach dieser Analyse zu "unberechenbaren Handlungen" – sie fahren angeblich "wie die Teufel".

Autofahrerinnen in der Bundesrepublik bevorzugen rote Autos, die weiteren Favoriten in der Reihenfolge ihrer Beliebtheit bei den Damen: Weiß und Blau. Dies fand der bundesdeutsche Zweig der Internationale der Psychologen heraus, der offenbar nicht über die Forschungsergebnisse auf der Insel informiert war. Die deutsche Frau im Auto – aggressiv und unberechenbar? Es wird schon etwas dran sein, denn einer der Erzväter der bundesdeutschen TÜV-Psychologie, Professor Benedikt von Hebenstreit in München, fand im Auftrag des Volkswagenwerks heraus: "Bei den jungen Damen im Verkehr macht sich eine gehörige Portion Draufgängertum breit. Die jungen Fahrerinnen sind mehr als früher auf die Erzielung von Vorteilen im Verkehr aus."

Emanzipation also auch auf der Straße, mag mancher da denken, ja, warum denn nicht? Aber abgesehen von der Wortwahl des Seelenkundlers, die eher auf vermutete Ellenbogenfreiheit denn auf Emanzipationsbestrebungen schließen läßt, sollte man ohnehin nicht allzusehr auf die Erkenntnisse der Psychologen bauen. Denn was sie da über das Innenleben der Autofahrer herausfinden, kann stimmen, muß aber nicht. Das beweist die Schlappe, die sie an der Führerscheinfront einstecken mußten. Wer einst öfter als dreimal durch die Prüfung fiel, fiel einem Psychologie-Test anheim, der im Volksmund ein wenig verächtlich "Idiotentest" genannt und dort praktiziert wird, wo man sich ohnehin mit der Suche nach Schwachstellen aller Art beschäftigt: bei den Technischen Überwachungsvereinen. Aber deren seelenkundliche Fahndung nach den Gründen für das Prüfungsversagen blieb erfolglos – so erfolglos, daß die Verkehrsbehörden erst in Hamburg, dann schrittweise in allen Bundesländern diese Untersuchung wegen erwiesener Unsinnigkeit kurzerhand kippten.

Heute darf jeder so oft zur Prüfung, bis er bestanden hat: Theoretisch dürfte damit jetzt in Deutschland ein britischer Rekord gefährdet werden, der bei 42 vergeblichen Anläufen zum Führerschein steht. Unternommen wurden sie von einer netten älteren Dame, die zwar immer noch keinen Führerschein besitzt, dafür aber eine Eintragung im Guinness-Buch der Rekorde vorweisen kann.