Hörenswert

Josquin Desprez: "Motetten und Chansons"/Guilleaume de Machart: "Messe de Nostre Dame"/John Dunstable: "Motetten". Der Boom an Ensembles, Platten und Konzerten mit historischer Musik auf Originalinstrumenten hat uns beinahe vergessen lassen, daß eines der wichtigsten und im eigentlichen Kern wohl doch unverfälschten die menschliche Stimme ist. Gewiß haben sechs Jahrhunderte europäisch-abendländischen Gesangskultur auch die Technik und Ästhetik menschlichen Singens und damit das Ergebnis total verändert – Belcanto und Primadonnenkuh, lyrischer Ausdruck und heldische Kraftmeierei haben so gut wie Massenchöre und elektronische Aufnahmemanipulationen unseren Geschmack verbogen und unser Wissen eingeschränkt. Selbst die Solisten, die sich auf die historische Musik spezialisierten, haben erst langsam zu den alten Sänger-Idealen zurückgefunden, wobei vielen (gar nicht so) merkwürdigerweise die Praxis in der Zeitgenössischen Musik sehr geholfen hat. Junge englische Musiker, einmal um den Bassisten Paul Hillier, ein ander Mal (mit zum Teil den gleichen Leuten) um den Tenor Andrew Parrott, haben sich um einen "Originalklang" bei den Großmeistern der frühen zeitgenössischen und englischen Polyphonie gekümmert, wobei sie zum einen die Flexibilität in der solistischen Besetzung und dadurch den Farbwechsel praktizieren, zum anderen die vergessene Expressivität durch einen neuen Stimmansatz-Charakter und eine Lebendigkeit der Liniengestaltung wiedergewinnen. Die zwar immer noch knappen, aber doch in der Kürze präzisen Einführungen in den Plattenhüllen entsprechen dem hohen Niveau-Ansatz der "Reflexe"-Reihe, die zeigt, daß auch über komplizierte musikalische Sachverhalte anschaulich und allgemeinverständlich informiert werden kann. (EMI 1 C 067-1435 731/761/1467 031) Heinz Josef Herbort

Tim Finn: "Escapade". Das Solo-Debüt des ehemaligen Split Enz-Sängers ist eine ungemein eingängige Mixtur aus Reggae-Rhythmik und Country Rock-Elementen, Pop-Balladen, Uptempo-Rockern und Harmonien, wie sie in dieser Perfektion selbst Altmeistern wie Paul McCartney kaum noch gelingen will. Die Musiker, die bei diesen Mainstream-Pop-Kabinettstückchen mitwirkten, verstehen ihr Handwerk jenseits bloßer Routine, und wenn man sich mehr als einmal an den frühen Stephen Stills erinnert fühlt (dem Tim Finn als Sänger gelegentlich zum Verwechseln ähnlich klingt), ist das schließlich keine Schande. Eine ähnlich gute Reggae-Nummer wie "Fraction Too Much Friction" hörte man letzthin schon lange nicht mehr von Jimmy Cliff oder Johnny Nash. (Epic 25 812) Franz Schöler