Die Parteimanager waren um Auswege nicht verlegen, wie der Fall des Bonner Unternehmers Nikolaus Fasolt bewies. Der erste öffentlich bekanntgewordene Fall einer ^verdeckten Parteispende" war besonders peinlich, weil ausgerechnet der oberste Repräsentant der deutschen Industrie darin eine tragende Rolle spielte. Kaum hatte sich der mittelständische Fliesenfabrikant richtig auf dem Präsidenten-Stuhl des Bundesverbandes der Deutschen Industrie eingerichtet, da schockte im Sommer 1978 ein Strafbefehl der Bonner Staatsanwaltschaft die Öffentlichkeit. Fasolt wurde zu einer Geldstrafe von 58 000 Mark, seine rechte Hand Peter Weber zu einer Buße von 11 250 Mark verurteilt. Nur wenige Monate später kostete die Affäre, zu der sich dann auch noch eine Beinahe-Pleite des eigenen Unternehmens gesellte, den BDI-Präsidenten Fasolt das Amt.

Nikolaus Fasolt war zu einem der Opfer des cleveren CDU-Spendensammlers Peter Müllenbach geworden, Chef der CDU-eigenen Unions-Betriebe GmbH (UBG). Auf der Suche nach immer neuen Geldquellen hatte Müllenbach im liechtensteiner Steuerparadies Vaduz, Austraße 42, einen europäischen Ableger gegründet, die "Europäische Unternehmensberatungsanstalt" (EU). Obwohl die Gesellschaft eine reine Briefkastenfirma war, unterhielt sie außerordentlich rege Geschäftsbeziehungen mit deutschen Unternehmen von Rang und Namen.

Nikolaus Fasolt war, wäre er nicht ausgerechnet BDI-Präsident gewesen, sogar als "Kunde" eher zweitrangig. Mehr als zweitrangig, nämlich völlig wertlos, waren vor allem die Lieferungen, die Fasolt von der Vaduzer Unionsanstalt erhielt. Dort hatten Fasolt und Weber für rund 40 000 Mark Gutachten gekauft, freilich solche, die außer bedrucktem Papier nur Nonsens enthielten. Aber das störte den BDI-Präsidenten nicht sonderlich, denn tatsächlich wollte sich Fasolt gar nicht wirklich beraten lassen. Das Geld für die Gutachten kam nämlich auf Umwegen in die CDU-Kassen nach Bonn. Der Weg war allerdings nicht nur verschlungen, führte auch an einem kriminellen Tatbestand vorbei – und zwar dem der Steuerhinterziehung. Fasolt und sein Gehilfe hatte die Kosten für die wertlosen Gutachten nämlich als Betriebsausgabe abgesetzt.

Es fällt schwer zu glauben, daß dem Unternehmer Fasolt bei dieser Tat jegliches Unrechtsbewußtsein gefehlt haben soll, wie CDU-Generalsekretär Heiner Geißler heute wissen will. Fasolt jedenfalls hat den Strafbefehl über 58 000 Mark ohne Murren hingenommen. Hätte er sich im Recht gefühlt, so hätte er es auf ein Gerichtsverfahren ankommen lassen können und gegen den Strafbefehl Widerspruch erhoben. Tatsächlich wußte Fasolt ebenso wie viele andere Manager und Unternehmer, die ebenso wie er auf Anraten des Peter Müllenbach wertlose Gutachten gegen gutes Honorar in Vaduz bestellt hatten, daß sie damit den Tatbestand der Steuerhinterziehung erfüllten.

Aber die Bosse glaubten nicht nur an den guten Zweck, der die Mittel heiligt, sie glaubten sich auch ziemlich sicher. Vor allem stand keiner allein. Alles was in der Wirtschaft Rang und Namen hat, war mit von der Partie: die Firma Konrad Henkel in Düsseldorf, Melitta in Minden, BAT-Cigaretten Fabriken in Hamburg, Hettlage-Bekleidung in München, Blendax aus Mainz, Unilever und Daimler, Deutsche Babcock, Castro! und Olivetti. Die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen.

Je tiefer sich die Bonner Staatsanwälte in die Steuerakten des St. Augustiner Steuerfahnders Klaus Förster hineinkieten, desto fündiger wurden sie. Nach dem vorerst letzten Stand vom 27. April 1984 sind beziehungsweise waren bei der Bonner Staatsanwaltschaft 1805 Verfahren mit etwa dreitausend betroffenen Einzelpersonen anhängig. Gegenwärtig stapeln sich in der Bundesrepublik noch die Akten von 648 Verfahren. Etwa vierhundert Fälle sind an die Staatsanwaltschaften in Hamburg, München und Stuttgart abgegeben worde; 254 Fälle haben sich erledigt, weil ein Verschulden nicht nachgewiesen werden konnte; 452 Verfahren wurden mit richterlicher Zustimmung wegen geringer Schuld der Beteiligten eingestellt, weitere zehn gegen Zahlung einer Geldbuße. In nur neun Verfahren wurden bisher Strafbefehle verschickt. Die Empfänger freilich lehnten die Annahme ab, sie erhoben Widerspruch. Unter ihnen auch Bonns Oberbürgermeister Hans Daniels, der sich nun freuen kann.

Denn nachdem nun Union und Freidemokraten alles mit dem Mantel der christlichen Nächstenbeziehungsweise Spenderliebe zugedecken wollen, wird Daniels ebenso straffrei ausgehen wie FDP-Schatzmeister Hans H. Gattermann, dessen Vorgänger Otto Graf Lambsdorff, der CDU-Geldmann Müllenbach und alle anderen Politiker, die bei den Parteien nicht nur die Hand aufgehalten haben, sondern auch noch die oft fragwürdigen Mittel und Wege wiesen, wie sie zu füllen war. Während die CDU überwiegend über das Steuerparadies Liechtenstein kassierte, hielten es die Liberalen mit dem Spruch: Bleib im Lande; redlich allerdings blieben auch sie nicht. So ermittelten Bonner Staatsanwälte gegen ein halbes Dutzend verschiedener Vereine und Gesellschaften, die nach außen den Charakter einer ideellen und gemeinnützen Gesellschaft zeigten, in Wirklichkeit aber nur eine Aufgabe hatten: Geld für die FDP zu beschaffen.