Von Heinrich August Winkler

Äußerlich schien es den deutschen Sozialdemokraten gut und immer besser zu gehen. Die regierende Rechtskoalition war heillos zerstritten, ihr endgültiger Zerfall nur noch eine Frage der Zeit. Bei den Neuwahlen, die ohnehin demnächst stattfinden mußten, konnte die oppositionelle SPD mit einem großen Sprung nach vorn, ja mit der Rückkehr an die Macht rechnen. Entsprechend groß war der Optimismus bei Mitgliedern und Funktionären.

In diese Stimmung platzte im Oktober 1927 eine vertrauliche Denkschrift, die ein ganz anderes Bild von der Lage der Partei vermittelte. Unter dem Titel "Die Krise im deutschen Sozialismus und ihre Überwindung" legte der Verfasser dar, daß nach seiner Ansicht der Schein der "erheblichen Beruhigung" trog. "In Wirklichkeit steht der deutsche Sozialismus gerade jetzt in seiner tiefsten Krise." Die SPD halte an einer Theorie fest, die mit ihrer Praxis schwer vereinbar sei; sie könne sich nicht einerseits pauschal auf Marx berufen und andererseits ab staatstragende Partei der Republik bekennen. Dieser Zwiespalt rühre daher, daß die Führung, an theoretischen Fragen kaum interessiert und überdies konfliktscheu, den marxistischen Radikalen so gut wie nie grundsätzlich widerspreche. Die Folge: "Die junge sozialistische Intelligenz sieht nur im Radikalismus geistiges Leben. Nur dort hat sie auch die Möglichkeit, selber zu Wort zu kommen. Etwaige Zweifel verschwinden aus Mangel eines starken Rückhalts bald – auch hier werden große Scharen vom Strom fortgezogen. So ist die nach außen starke Front der sozialistischen Praxis in Wahrheit ohne innere Kraft." Der Autor der Denkschrift hat jetzt seine Erinnerungen vorgelegt:

August Rathmann: "Ein Arbeiterleben. Erinnerungen an Weimar und danach". Mit einem Vorwort von Hans Mommsen und Briefen von Elsa Brandström und Paul Tillich; Peter Hammer Verlag, Wuppertal, 1983; 285 S., 19,80 DM.

Rathmann, der heute in Mönkeberg bei Kiel lebt und im Januar 89 Jahre alt wurde, war 1927 der sozialdemokratischen Parteiführung kein Unbekannter mehr. Er war hervorgetreten als Herausgeber des Politischen Rundbriefs des "Hofgeismar-Kreises", der "rechten" Fraktion innerhalb der jungsozialistischen Bewegung, wie als Herausgeber einer Reihe Schriften zur Zeit, die von 1926 bis 1927 im parteieigenen Dietz-Verlag erschien. Die Denkschrift vom Oktober 1927 hatte der parteilose preußische Kultusminister Carl Heinrich Becker angeregt, ein ebenso aufmerksamer wie besorgter Beobachter der Weimarer Sozialdemokratie. Becker vermittelte Rathmann Anfang 1928 auch ein Gespräch mit Ministerpräsident Otto Braun. Mit dem Inhalt der Denkschrift zeigte sich der preußische Regierungschef ganz einverstanden. Nur das, was Rathmann praktisch wollte, konnte Braun ihm nicht gewähren: die Mittel für die Gründung eines Verlages, der sich ganz der geistigen Erneuerung des demokratischen Sozialismus widmen sollte. So wurde denn, zwei Jahre später, nur ein sehr viel bescheideneres Projekt Rathmanns und seiner Freunde Wirklichkeit: die Neuen Blätter für den Sozialismus, eine der meistdiskutierten und interessantesten politischen Zeitschriften in den letzten Jahren der ersten deutschen Republik.

Die Autobiographie von August Rathmann ist in mehr als einer Hinsicht ein bemerkenswertes Dokument. Da ist einmal die Lebensgeschichte eines Arbeiters aus dem Holsteinischen, der sich auf dem zweiten Bildungsweg bis zum Universitätsstudium durchkämpfte, Was die Prüfer, durchweg Professoren, dem gelernten Tischler beim Begabtenexamen im preußischen Kultusministerium 1925 an Wissen und Urteilsvermögen abverlangten, überstieg zum Teil die Anforderungen an damalige und heutige Abiturienten. Das war kein Zufall: Nachdem erst im April 1923 eine preußische Verordnung begabten Außenseitern den Zugang zu den Universitäten geöffnet hatte, waren die Hochschulen sogleich dazu übergegangen, dieses "Leck" möglichst klein zu halten – durch zunehmende Erschwerung der Begabtenprüfung. Rathmann schreibt ein Kapitel der unbekannten deutschen Bildungsgeschichte, und er schreibt es ebenso anschaulich wie unsentimental.

Zum anderen sind seine Erinnerungen ein wichtiger Beitrag zur politischen Ideengeschichte der Weimarer Republik und zur Parteigeschichte der SPD – wichtig, weil das intellektuelle Umfeld der größten deutschen Arbeiterpartei bisher noch nicht hinreichend erforscht worden ist. Wir begegnen dem belgischen Sozialisten Hendrik de Man, der durch seine Kritik am marxistischen Rationalismus Furore machte, den religiösen Sozialisten um den Theologen Paul Tillich, den sozialdemokratischen Juristen Gustav Radbruch, Hugo Sinzheimer und Hermann Heller. Sie alle gehörten zu dem Kreis, aus dem die Neuen Blätter für den Sozialismus hervorhingen: Neuerer, die die Sozialdemokratie von überholten marxistischen Dogmen befreien und in Richtung auf die bürgerliche Intelligenz öffnen wollten.