Von Nina Grunenberg

Wer wie Ignaz Kiechle aussieht und auch so heißt, kann sich darauf verlassen, daß folkloristische Unterhaltungsnummern von ihm erwartet werden. Die auf Abwechslung versessenen Bonner suchen immer noch einen Nachfolger für Franz Xaver Unertl, jenen schon legendären Viehhändler und Gastwirt aus Passau, dessen deftige Reden ihn zum Liebling des Plenarsaals machten.

Einer, der die Chance bei Ignaz Kiechle witterte und mit dem schnellen Blick des Situationskomikers nutzte, war der grüne Abgeordnete Joschka Fischer. Als er zufällig beobachtete, wie sich Kiechle am Tag seiner Vereidigung zum Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten auf der Galerie des Bundeshauses mit Frau Cilly und den vier Kindern fürs Familienalbum photographieren ließ, formulierte er hingerissen von dem "Panoptikum der Absonderlichkeiten", das sich ihn darbot: "Ungefähr einsachtundsechzig groß, etwa genau so breit, mit vor Aufregung roten Bäckchen, steht er da wie der Schützenkönig aus dem Allgäu, der geehrt wird, weil er ins Schwarze getroffen hat."

Wer die Welt genauer kennt, aus der Ignaz Kiechle kommt, widersteht der Versuchung leichter, die Klischees auf den Punkt zu bringen. Dieter Lattmann, freier Schriftsteller aus München, der sich acht Jahre lang im Dienste der SPD als Kiechles Gegenkandidat abquälte, hat nie Witze über ihn gemacht, allenfalls lächelte er als stiller Dulder vom Allgäuer Marterpfahl. In seinem Erfahrungsbericht "Die lieblose Republik" gestand er unumwunden ein, daß er gegen Kiechle keine Chance gehabt hatte: "Er vertrat die Mehrheit, ich eine Minderheit. Kiechle war angestammt und ich hergeholt, er fuhr Mercedes und ich Volkswagen. Sein Hof stand am Stadtrand von Kempten, ich wohnte zur Miete in Eckarts. Seine Kirche läutete überall, meine war meilenweit nicht zu hören. Ich konnte das Allgäu zwar beschreiben, aber er verkörperte es mit Haut und Haaren."

Lattmann hat es gespürt. In Ignaz Kiechles Welt hält sich kein Klischee. Sie ist echt bis zu den Hirschhornknöpfen an der dicken, grauen Strickjacke, die er zu Hause trägt, und bis zu dem lockeren Hefekuchen, den seine Frau zu Ostern backt. Überdies ist diese Welt so lebensnah, daß nicht einmal von Idyll die Rede sein kann. Der Hof der Kiechles ist das beste Beispiel dafür. Er liegt, auf einer sanften Anhöhe, die früher einmal eine Oase des Friedens und der Ruhe gewesen sein muß. Heute wird das Anwesen im Süden von der B 12 und im Osten von der Ulmer Autobahn eingeklemmt. Statt des Windes ist nur noch das Rauschen der Touristenautos zu hören, die gen Süden fahren.

Konnte er sich dagegen nicht wehren? Da lacht Kiechle nur verschmitzt – er lacht gerne, am liebsten in sich hinein: Wie sollte er als örtlicher Bundestagsabgeordneter sich wohl darüber beschweren, daß sein Wahlkreis besser an das Verkehrsnetz angeschlossen wird?

Einer der drei Nachbarn ist weggezogen, als die Autobahn gebaut wurde. Kiechle blieb. Sein Hof ist seit 1732 im Familienbesitz. Bis 1972 – da saß er schon im Bundestag – hatte er auch noch fünfzig Stück Vieh, davon 25 Milchkühe. Irgendwann streikte die Familie, der die Arbeit zuviel wurde. Das Vieh ist inzwischen verkauft, die Grundstücke – neun Hektar Wiese – werden von den Nachbarn mitbewirtschaftet. Um die fünf Hektar Wald – sie liegen nicht an der Autobahn – kümmert sich Kiechle noch selber. Ihm ist wichtig, daß der Betrieb erhalten bleibt – wegen der Familientradition; für den Sohn Thomas, der noch zur Schule geht; weil Bauer sein nicht nur eine Geschichte ist, sondern eine Lebensform – es gibt so viele gute Gründe für ihn. Zur Ironie der Geschichte gehört, daß Kiechles Grünland- und Milchwirtschaft exakt zu jenen Betrieben gehörte, über die sich jeder bessere Volkswirt mokiert: Sie ernähren kaum ihren Mann, sie tragen zu jener Überschußproduktion bei, die die Agrarpolitik so widersinnig macht, und sie schlucken dafür auch noch Subventionen. Wie läßt sich die Existenz dieser Betriebe noch vernünftig begründen?