Regierungschef Lubbers sucht eine Formel, der sowohl Gegner als auch Befürworter zustimmen können

Von Christoph Bertram

Den Haag, im Mai

Amerikas Botschafter in den Niederlanden ist unlängst dazu übergegangen, die Gegner der Nachrüstung in der christlich-demokratischen Fraktion einzeln zum Lunch einzuladen. Bei einem der Hartgesottensten empfahl ihm sein Berater, er solle doch vor und nach dem Essen ein Gebet sprechen – und Botschafter Paul Bremer tat, wie ihm geheißen. Der Gast kam tief beeindruckt zu seinen Gesinnungsfreunden zurück: die Amerikaner seien doch wirkliche Verbündete, die die christlichen Werte teilten. Und fast schien er in seiner Ablehnung der Raketen zu schwanken. Aber nicht lange; die anderen empörten sich, mit ihnen habe der Botschafter aber nicht gebetet.

Beten um jede Stimme? Wie kein anderes Thema bestimmt die Frage, ob Holland bis 1986 achtundvierzig Cruise Missiles auf dem Luftwaffenstützpunkt Woendsrecht nahe der belgischen Grenze aufstellen soll, die politische Debatte im Lande. Sehr viel Zeit, sagt Ministerpräsident Lubbers, muß er im Augenblick auf die Suche nach einer Kompromißformel verwenden, die für alle Lager seiner zerstrittenen Koalition annehmbar ist. "Wenn wir bis Ende Juni keinen Kompromiß gefunden haben, dann ist das die Krise." Und in Holland weiß jeder, was das bedeutet: Neuwahlen. Das Drama, 1979 mit dem Doppelbeschluß begonnen, nähert sich seinem Höhepunkt.

Es geht dabei weniger um die vier Dutzend Raketen als um das künftige politische Rollenverständnis des Vierzehn-Millionen-Staates, der – nach Frankreich – der wichtigste Handelspartner der Bundesrepublik ist.

Die Hauptakteure verteilen sich rund um die mittelalterliche Festung der Grafen von Holland, den Binnenhof, in dem heute das Parlament – im alten Ballsaal der Oranier – und der Ministerpräsident residieren: