Von Jes Rau

Wenn vom Internal Revenue Service die Rede ist, sprechen viele Amerikaner in einem Ton, in dem in Transsylvanien von Vampiren geredet wird: Blutsauger! Die Liquidität, um die sie fürchten, ist allerdings nicht Blutrot, sondern hat die grünliche Färbung von Dollarscheinen. Der IRS, wie die Behörde im allgemeinen Sprachgebrauch heißt, treibt für den amerikanischen Bundesstaat die Einkommensteuer ein. In jedem Frühjahr, wenn die Behörde von den Tributpflichtigen die Einreichung der Einkommensteuer-Erklärung erwartet, kommen die Amerikaner mehrheitlich zu der Überzeugung, daß die Welt im Allgemeinen und die Einkommensteuer im Besonderen ausgesprochen ungerecht sind.

In einem Wahljahr wie 1984 zeigen dann auch die Politiker immer viel Verständnis für derartige Gefühle und reden von Steuerreform. Kein Präsidentschaftskandidat, der nicht verspricht, die Vampire vom IRS zu zähmen und das Steuersystem "fairer" zu machen. Sehr viel präziser allerdings werden sie selten. Jeder etwas konkretere Vorschlag könnte nämlich bei irgendwelchen Betroffenen die Alarmglocken läuten lassen – und das kostet Wählerstimmen.

Doch wie man Steuerreform zum Wahlkampfthema machen kann, ohne sich in irgendeiner Weise festzulegen, hat schon einmal ein damals Unbekannter namens Jimmy Carter glänzend demonstriert. Er geißelte bei den Vorwahlen im Frühjahr 1976 das Einkommensteuer-System als "Schimpf der menschlichen Rasse". Zum Präsidenten gewählt, ließ Carter allerdings zu, daß die Einkommensteuer zum Schimpf der Mittelklasse wurde. Denn der Durchschnitts-Amerikaner mußte sein durch die hohe Inflation aufgeblähtes Einkommen zu immer höheren Tarifen versteuern.

Kein Wunder, daß Carter vier Jahre später durch Ronald Reagan abgelöst wurde, der seinen Landsleuten einen radikalen Steuerschnitt von dreißig Prozent versprach – und das Versprechen sogar weitgehend einhielt: Schrittweise sind in den zurückliegenden drei Jahren die Einkommensteuer-Tarife um ein Viertel gekappt worden. Die dadurch entstandenen Mindereinnahmen deckt Washington seitdem mit einer "Steuer namens Defizit", wie Nobelpreisträger Milton Friedman diese Art der Finanzierung bezeichnet.

Statt zwischen 14 bis 70 Prozent liegen die Steuersätze nunmehr zwischen 11 und 50 Prozent. Doch unverändert beginnt der Spitzensteuersatz bereits bei einem Jahreseinkommen von 55 300 Dollar, was einen Amerikaner mit solchen Bezügen knapp zum Angehörigen der Mittelklasse qualifiziert. Doch diese relativ scharfe Progression der Besteuerung steht nur auf dem Papier. Denn die zweitausend Seiten dicke Einkommensteuer-Gesetzgebung bietet findigen Köpfen fast unerschöpfliche Möglichkeiten zur "do-it-yourself-Steuersenkung", wie es in einer in Millionenauflage verbreiteten Anleitung zum Steuersparen zu lesen ist; "Nur Einfallslose hinterziehen Einkommensteuer", heißt es in dem Taschenbuch mit dem schönen Titel Die Vergewaltigung des Steuerzahlern "denn mit legaler Steuervermeidung kann man dasselbe Ergebnis erzielen".

Der einfachste Weg zur Steuerersparnis führt in den USA über das Schuldenmachen. Da nämlich auch Privatleute alle Zinsen absetzen können, ist Pumpen und nochmal Pumpen zum Volksbrauchtum geworden. Wer Geld zum Investieren übrig hat, dem bieten sich sogenannte "tax shelter", die vor dem Zugriff des IRS schützen. Steuerlich interessant ist es beispielsweise, Geld in die Öl- und Gassuche zu stecken, weil Lyndon Johnson als Senator und als späterer Präsident das Steuergesetz mit zahlreichen Ausnahmeregeln zu Gunsten des Öl-Business angereichert hat.