Arnold Schönberg bereits hatte den Verdacht, da werde ein Musiker "nicht nach seinem Eigenwert geschätzt, sondern nach einem vermeintlichen Naturgesetz, demzufolge ein bedeutender Mann keinen bedeutenden Sohn haben darf". Der Betroffene selber hingegen empfand sich keineswegs als "tragische Figur", sondern "freute sich täglich über das Glück, einen solchen Vater zu haben". (Im gleichen Atemzuge "freute" er sich kaum weniger intensiv auch über seine Mutter, seinen Großvater, seine Schwestern, seine "schöne, heitere, kluge" Gattin, die vier "Kindereben", über die Stadt Bayreuth, die Sympathie der Bürger, das Vertrauen des Festspielpublikums, sein Talent und seinen Humor – was will der Mensch mehr).

Abgesehen davon, daß sich die offensichtlich altfränkisch problemferne Mentalität zumindest in einem Zweig auch auf die folgenden Generationen weitervererbte: Schon Schönberg muß in bezug auf Siegfried Wagner, den Sohn Richard Wagners (und Enkel von Franz Liszt), doch ganz beachtlich geirrt haben.

"Der Bärenhäuter" (1899), "Herzog Wildfang", "Der Kobold", "Bruder Lustig", "Sternengebot", "Banadietrich", "Schwarzschwanenreich", "Sonnenflammen", "Der Heidenkönig", "Der Friedensengel", "An allem ist Hütchen schuld", "Der Schmied von Marienburg", "Rainulf und Adelaide" oder die Chorwerke "Das Märchen vom dicken fetten Pfannkuchen", "Der Fahnenschwur" oder "Wer liebt uns" – also vorstellbar ist schon, wie der Vater reagiert hätte, wäre ihm noch unter die Augen (oder gar zu Ohren) gekommen, was sein Sohn da alles an Feinheiten zusammenbrachte. Otto Daube nennt Siegfried Wagner in "Musik in Geschichte und Gegenwart", einer sonst so ehrenwerten Enzyklopädie, einen "melodienreichen, phantasievollen, in seiner Klangwelt unproblematischen Spätromantiker". Sollte das der ansonsten nicht weiter bekannte Komponist Hans Peter Mohr alles versaut haben, als er jetzt die unvollendet gebliebene Oper "Das Flüchlein, das jeder mitbekam" "anhand der Skizzen des Komponisten instrumentierte"? Oder der Dirigent Klaus Weise und sein Assistent Stefan Klieme, die die Partitur für die Uraufführung in Kiel noch einmal "revidierten"?

Denn das "Flüchlein", das jetzt "W. und die gute Frau" heißt, ist der beste Richard-Wagner-Nachahme-Versuch, den es je zu hören gab.

Schon der erste Akkord des Vorspiels – unter ein zu E dominantes H im Holz setzen Blechbläser den Septim-Akkord auf der zweiten Stufe F (so kompliziert kann man es zu erklären versuchen) – war Richard Wagner recht geläufig: "Mißwende folgt mir", singt Siegmund in der "Walküre" auf diesen leitmotivischen Klang. Bei Siegfried Wagner sei er aber, werden dessen Gemeindemitglieder sagen, nur der erste von jeweils drei Ackorden, die das "Flüchlein"-Motiv bilden. Gewiß, gewiß; aber die harmonische Entwicklung dieser Folgen – die Musiktheorie nennt es "Stufengang über den Leitton" – findet sich im "Ring" zu Dutzenden, und selbst die Streicherbewegung nach der Akkordfolge ist eine feine Abart einer ersten Violinen-Floskel aus dem "Rheingold"-Vorspiel. Nur ein paar Takte weiter, und plötzlich wird kühn der "Lohengrin", dritter Akt, das Brautgemach, abgewandelt, und über eine "Parsifal"-Erinnerung erreichen wir "Wotans Abschied", gefolgt von zwei anderen typischen Sekund-Stufengängen auf- wie abwärts – das alles in den ersten zweiunddreißig Takten. Zweitausendachthundertundfünfzwanzig Takte ist die Oper lang.

Aber nicht nur gewissermaßen "wörtliche" Zitate. "Ein Spiel aus unserer Märchenwelt" nennt Siegfried Wagner das "Flüchlein" im Untertitel. Da ist also der König, er hat zwölf Töchter, aber keiner der elf Königssöhne, die um sie warben, hat die Bewährungsprobe bestanden – sie wurden alle in Schwäne verwandelt Jede Nacht jedoch werden sie von den Töchtern besucht, die zertanzten Bettschuhe künden am Morgen von den Orgien im Zauberland. Ein zwölfter Königssohn, Wehrhold, hat von der "guten Frau" einen Tarnmantel erhalten. Unsichtbar geworden entdeckt er das nächtliche Treiben, aber der König löst sein Versprechen – die jüngste Tochter zur Frau nicht ein. Und die verlangt von ihrem Werber den goldenen Apfel vom Baum des Lebens – er revanchiert sich, indem er das Wasser des Lebens forden. Auf dem Gang durch den Wald wird die Kleine vom Räuberhauptmann verschleppt – Wehrhold befreit sie. Am Ende hält er sie natürlich in seinen Armen, auch die anderen werden "erlöst", der König stirbt fröhlich – "Friede, Friede, ewiger Frieder schließt die Oper in seligem E-Dur.

Die Schwäne, der Tarnmantel, die goldenen Äpfel – ganz schön direkt, diese Übernahmen. Etwas raffinierter: der nächtliche Abstieg ins Zauberland: ist’s der Venusberg oder Klingsors Zaubergarten? Und der alternde König ist noch blinder als der einäugige Wotan. Erst recht hintergründig hat Siegfried Wagner die Figur der "guten Frau" angelegt – so eindeutig gut ist Kundry gar nicht. Aber allen Zelinskys zum Trotz: Hitler selber konnte bei Richard Wagner noch nicht auftreten – wie er sich jetzt als Räuberhauptmann Wolf entpuppt, ist dies die kleine, aber feine Rache Siegfried Wagners am Matriarchat der für "Wolf" schwärmenden Ehefrau Winifred.