Wie gewohnt kam der Osthändler Josef Kaumer erst kurz vor dem Abflug zum Schalter der tschechoslowakischen Fluglinie CSA am Prager Flughafen. Wie gewohnt brummte die Stewardess: "Alles voll", als er sich um einen Flug nach Preßburg bemühte. Nachdem harte Devisen den Besitzer gewechselt hatten, sitzt er wenig später auf dem einzigen freien Platz – im Cockpit. Und wie immer, wenn sich westliche Geschäftsleute und durstige Ost-Genossen näherkommen, ist auch die Flasche Whisky nicht weit.

Während Josef Kaumer und der slowakische Kapitän hoch über Mähren angeregt die Qualitäten westlicher Drinks diskutieren, hält sich der Copilot traurig abseits. "Ich habe meinen Skoda am Flughafen geparkt", lautet seine einleuchtende Entschuldigung.

Auch Josef Kaumer hatte seinen Wagen am Preßburger Flughafen abgestellt, nur wenige Kilometer vom Wiener Airport Schwechat entfernt. Denn der kleine Umweg über den eisernen Vorhang zahlt sich aus. Ein Flug von der slowakischen Hauptstadt nach Prag und zurück, beglichen in geschmuggelten tschechischen Kronen oder westlichen Devisen, kostet nur einen Bruchteil des Preises, den Austrian Airlines für ein Ticket Wien-Prag-Wien verlangt.

Der Trick gilt bei erfahrenen Ost-Spezialisten im Café "Europa" an der Wiener Kärntnerstraße als alter Hut. Die alteingesessenen Emigranten reduzieren ihre Reisespesen in den europäischen Comecon-Staaten seit jener. Dabei sind, so die einhellige Meinung der Kaffeehausexperten, die goldenen Zeiten der sozialistischen Billigfliegerei vorbei, als man noch für knapp dreihundert Mark Verwandte in Montreal besuchen konnte. Heute müssen kapitalistische Ausländer in Prag und Budapest für Flugtickets in den Westen in harter Währung zahlen. Hintertüren für Devisenjongleure gibt es natürlich immer noch.

Das Sparen hat allerdings seinen Preis. Auf das Lächeln der molligen Stewardess, die das bescheidene Menü, meist Huhn mit Reis, mit militärischer Präzision auf die kleinen Ausziehtische knallt, verzichten Billigflieger gern. Auch machen die Lektüre der Prawda, der sowjetischen Illustrierten Ogonjok oder der Zeitung der "heldenhaft um die Erfüllung des Plansolls ringenden" Wolgadeutschen den amerikanischen Actionfilm in teuren Transatlantik-Jumbos sicherlich leicht vergessen.

Das böse Erwachen folgt oft erst nach der immer harten Landung auf dem Moskauer Flughafen Scheremetjewo 2. Ist der Anschlußflug in den Fernen Osten oder nach Schwarzafrika erst einmal versäumt, dürfen sich Aeroflot-Gäste mit der russischen Bürokratenseele vertraut machen. Nach dem Umtausch der Reisepässe in kleine rote Karten mit kyrillischer Aufschrift werden die westlichen Spar-Flieger von stummen Uniformierten in das nahe Flughafenhotel verfrachtet, wo das englischsprachige Personal schon am Eingang schwunghaften Handel mit West-Waren treibt. Wer sich nicht an der mager bestückten Hotelbar laben will und auch keinen Gefallen an den preiswerten Leninbüsten im Devisenshop findet, kann sich mit einem stilgerechten Bad in lauwarmem (rost)roten Wasser erfrischen. Der unfreiwillige Bildungsaufenthalt kann bis zu einer Woche dauern.

Die Sowjetbürger sind die großzügige Auslegung der Flugpläne gewohnt. Im Wartesaal der Moskauer Inlandsflughafens Domodedowo dösen verdiente Fabrikarbeiter aus Sibirien neben stämmigen Kolchosearbeiterinnen aus Georgien. Die prallgefüllten Einkaufstaschen, die nicht einen Moment lang aus den Augen gelassen werden, deuten auf den Zweck ihrer Reise und zeugen vom regen Geschäftssinn der sowjetischen Südländer, ohne den die Moskauer Gemüsemärkte sehr viel leerer wären.