Die Nachricht von der völkerrechtswidrigen Verminung der Häfen von Nicaragua, die der amerikanische Präsident angeordnet hat, zeigt von neuem, wie dringend nötig es ist, sich über eine engere Kooperation Europas zu verständigen: Nicht um Europa von Amerika abzukoppeln – "die Carters und Reagans kommen und gehen, aber die Vereinigten Staaten bleiben bestehen" –, sondern um den europäischen Einfluß auf Washington stärker zur Geltung zu bringen.

Nicht, daß die Europäer Einfluß auf die US-Politik in Zentralamerika nehmen sollten oder auch nur wollten. Aber sie müssen dies tun hinsichtlich der Ost-West-Politik. Hier kann und muß Europa ein entscheidender Faktor werden. Es ist viel zu gefährlich, die beiden Supermächte in der irrationalen Konfrontation, aus der sie offenbar nicht herausfinden, sich selbst zu überlassen. Beide wären wahrscheinlich sehr bereit, sachliche Verhandlungen an die Stelle sinnloser Beschuldigungen treten zu lassen, beide würden sicherlich gern den absurden Rüstungswettlauf einstellen und ihre finanziellen Mittel auf dringlichere Notwendigkeiten verwenden, aber beide sehen sich wie in einem magischen Bann gezwungen, immer weiterzumachen, so daß schließlich selbst die Rüstungskontrollverhandlungen zu einem Teil des Rüstungswettlaufs geworden sind. Auf Außenstehende wirkt das Ganze wie absurdes Theater oder wie ein Modellfall aus der Psychiatrie.

Für die Europäer in West und Ost gibt es in dieser Situation nur eine sinnvolle Reaktion: auf die jeweilige Supermacht Einfluß zu nehmen und darauf hinzuwirken, daß wieder Rationalität und ein gewisses Vertrauen etabliert werden, damit eine Atmosphäre der Entspannung entstehen kann.

Die Vorstellung, die manche ungeduldigen Leute bei uns im Westen haben – es sei das beste, aus der Nato einfach auszusteigen –, ist ganz und gar abwegig. Das Herunterstufen der Aufrüstung bei gleichbleibender Sicherheit ist nur durch Konsens zwischen den Bündnissen möglich, nicht durch einseitige Handlungen.

Wir Europäer des Westens müssen uns zu enger Kooperation zusammenschließen, damit wir nicht überfahren werden. Es ist gar nicht einzusehen, warum 250 Millionen Amerikaner das Schicksal von 300 Millionen Europäern – oft, ohne diese zu konsultieren – bestimmen dürfen. Wir müssen unser Schicksal weit mehr selbst in die Hand nehmen. Und wir sollten uns auch nicht daran hindern lassen, die amtierende US-Administration – wo notwendig – zu korrigieren. Schließlich ist der amerikanische Präsident in einem bestimmten Sinne auch "unser" Präsident; denn er ist es ja, der im Falle eines Falles die Entscheidung darüber trifft, ob unser Kontinent in einen Aschenhaufen verwandelt wird oder nicht.

Mit dem Verblassen der Angst vor der Sowjetunion und mit der langwährenden Rezession, die die nationalen Egoismen ins Kraut hat schießen lassen, ist die Einigung Europas geschwächt und verzögert worden. Verkehrt war vielleicht auch, daß man ursprünglich geglaubt hat, die Zollunion werde eines Tages automatisch in eine politische Union übergehen. Es fehlte aber eine geistige oder politische Dimension; der Verlaß allein auf das Wachsen des Bruttosozialprodukts konnte als Grundlage für einen Verzicht, auf Souveränitätsrechte nicht ausreichen.

Inzwischen sind andere Völker, getragen von dem Elan, der aus neugewonnener Freiheit stammt, im Begriff, das müde Europa auf seinem ureigensten Gebiet – Wissen, Intelligenz, Phantasie, Erfindunsreichtum, Energie – zu schlagen. Ohne daß die Europäer es recht bemerkt haben, hat der pazifische Raum sie abgehängt: Die größte Schiffswerft der Welt und das größte Stahlwerk der Welt befinden sich in Südkorea; Tokio, Hongkong und Singapur sind die größten Finanzplätze der Welt nach New York, London und Frankfurt. Von den Schiffsbauaufträgen des ersten Halbjahres 1983 gingen 48 Prozent an japanische, 18 Prozent an koreanische und nur 11 Prozent an EG-Werften. Die Handelsflotte der Pazifik-Anrainer ist ungefähr so groß wie die der EG. Es gibt Kenner der Materie, die meinen, daß der pazifische Raum sich im 21. Jahrhundert zu einer Drehscheibe der Weltwirtschaft entwickeln wird. Amerika wäre aus offensichtlichen Gründen, als Pazifik-Anrainer, dabei – Europa nicht.

Marion Gräfin Dönhoff