Hannover

Nur wenige Wochen ist es her, da verkündete die niedersächsische Landesregierung ihre Pläne, einen "Nationalpark Wattenmeer" zu schaffen. Stolz ließ sie sich als Sachwalter der gebeutelten Natur feiern. Im Nationalpark sollen vierzig Prozent der Küstenwatten nahezu vollständig von menschlichen Eingriffen verschont bleiben. Jetzt haben die Niedersachsen aber das Planfeststellungsverfahren "Küstenschutz Leybucht" eingeleitet, das im krassen Gegensatz dazu steht.

Die Leybucht ist eine der letzten offenen Salzwiesenbuchten der deutschen Nordseeküste. Sie liegt im Westen der ostfriesischen Halbinsel. Für 170 Millionen Mark sollen über 1700 Hektar biologisch wertvollster Watten eingedeicht werden, eine Fläche, die größtenteils in die Kernzone des geplanten Nationalparks fällt.

Die Naturschutzverbände unter Federführung des World Wildlife Fund (WWF) wenden sich vehement gegen diese Maßnahme, die von Hannover sogar als Naturschutz verkauft wird, obwohl sie mehreren Landes- und Bundesgesetzen widerspricht. Die Verbände halten deshalb eine Förderung aus Mitteln des Bundes für nicht rechtens.

Hannovers Landwirtschaftsminister Gerhard Glup hat das Wattenmeer zum "Vorranggebiet für Natur und Landschaft" erklärt, es als Feuchtgebiet von internationaler Bedeutung anerkannt. Dieser Status ist durch das Eindeichungsprojekt aufs äußerste gefährdet. Naturschützer und Fachleute des niedersächsischen Küstenraumes halten diese großen Flächen, die dem Küstenschutz dienen sollen, für unnötig. Das in den Augen der Landwirte zu feuchte Hinterland könnte zudem auf andere Weise entwässert werden.

Die Projektgegner schlagen eine Alternativlösung vor, die weniger Landschaft verbraucht und dennoch die Küste schützt. In einem Brief an Ministerpräsident Ernst Albrecht haben 115 Wissenschaftler vor den Folgen der Eindeichung gewarnt. Eine Antwort steht noch aus; statt dessen mahlen die Mühlen der Planungsbehörden.

Hinrich Bäsemann