Von Rudolf Walter Leonhardt

Dublin, Anfang Mai

Niemand spricht gern von Krieg. Aber wie soll man es nennen, wenn in Nordirland drei Armeen jeden Tag bereit stehen, auf den Feind einzuschlagen: eine illegale republikanische (IRA), eine illegale unionistische (UVF) und die legale britische Armee? Das geht so seit fünfzehn Jahren und hat inzwischen fast zwei von tausend Bewohnern des Landes das Leben gekostet.

Ein Sieger in diesem Krieg ist nicht abzusehen. Bisher gibt es nur Besiegte: die Jungen und Mädchen der IRA, die den irischen Freiheitskämpfern von 1916 nacheifernd es als ehrenhaft empfinden, "Terroristen" genannt zu werden; die Freiwilligen der UVF, die mit allen Mitteln dagegen kämpfen, daß Nordirlands protestantische britische Mehrheit zur Minorität in einer katholischen gälischen Republik wird; die wahrhaftig wenig beneidenswerten englischen Soldaten, die mit Irland nie etwas im Sinn hatten und ihr Leben riskieren, wenn sie hinter ihrem Stacheldraht hervorkommen und Kontakte suchen.

Seit Gladstone war noch keine britische Regierung fähig, den irisch-britischen Konflikt zu lösen. Aber auch die seit 1920 unabhängigen Iren der 26 Grafschaften des Südens haben sich in ihrer Mehrheit nicht sehr gekümmert um die durch den britischen Premierminister Lloyd George von ihnen getrennten sechs Grafschaften des Nordens.

Dies geändert zu haben, ist eines der Verdienste des Neuen Irland-Forums, das am 2. Mai in Dublin seinen kurzen, aber eindringlichen Bericht vorlegte. Ort der Handlung war das Schloß in Dublin, Hochburg und Zuflucht der britischen Verwaltung Irlands bis 1920. Inzwischen ist es ganz auf gälisch umdekoriert worden, sein Festsaal wurde dem irischen Schutzpatron St. Patrick gewidmet und mit den Standarten der Ritter des nach diesem Heiligen benannten Ordens geschmückt.

Es war leicht, hineinzukommen. Eine Empfehlung durch das Außenministerium genügte. Die Sicherheitsmaßnahmen waren angenehm unaufdringlich, die Akkreditierung ging so unbürokratisch wie möglich vonstatten. Einer, der sich als deutscher Korrespondent ausgab, hätte leicht die gesamte irische Prominenz in die Luft sprengen können. So richtig gründlich durchsucht wurde er erst wieder auf dem Flughafen in Düsseldorf.