Nur knapp hat der neue libanesische Ministerpräsident Raschid Karamé die erste Hürde bei seiner Kabinettsbildung überwunden: Gegen seinen Willen mußte er den mächtigen Schiiten-Führer Nabi Bern zum Staatsminister für den Südlibanon ernennen.

Bern, der sich mit den angebotenen Ressorts Justiz und Wasserenergie nicht abspeisen lassen wollte und sich daher geweigert hatte, dem Kabinett beizutreten, hat mit syrischer Hilfe seinen Willen durchgesetzt. Zusätzlich ist er auch für den Wiederaufbau Südbeiruts verantwortlich. In beiden Gebieten haben die von ihm angeführten Schiiten das Übergewicht. Der Chef der "Amal"-Milizen war auch deshalb mit dem Ressort-Angebot Karames unzufrieden gewesen, weil seine Kämpfer in der letzten Entscheidungsschlacht um Beirut über die christlichen Milizionäre gesiegt hatten.

Mit Berris Sondervollmachten, die er sich von Damaskus bestätigen ließ, ist nun auch die Tür für seinen Mitstreiter Walid Dschumblatt offen. Der Drusenfürst hatte sich ans Solidarität geweigert, als Minister für Tourismus und öffentliche Arbeiten in die Regierung einzutreten. Der Sunnit Karame war verdächtigt worden, entgegen der zwischen Beirut und Damaskus getroffenen Absprachen eine Regierung im Hauruck-Verfahren ohne besondere Berücksichtigung der schiitischen Bevölkerungsmehrheit auf die Beine zu stellen.

Damit ist freilich das Gerangel um Zahl und Bedeutung der Kabinettsposten noch lange nicht zu Ende. Noch weigert sich der ehemalige christliche Präsident Suliman Frandschieh, seinem Schwiegersohn Abdullah Rassi die Zustimmung zur Annahme des Innenressorts zu erteilen. Ebenso erhebt vorläufig noch der christliche Politiker Camille Chamoun, ein Gegner der syrischen Patenschaft über den Libanon, heftige Einwände gegen ein Kabinett des Ausgleichs, in dem er als Finanzminister vorgesehen ist. Chamoun ist gegen eine politische Gleichstellung von Christen und Moslems in der neuen Regierung.

Weitere Unsicherheitsfaktoren: Wer führt die libanesische Armee? Wie verhalten sich die moslemischen Soldaten gegenüber ihren christlichen Offizieren? Welche Macht hat künftig der junge maronitische Staatschef Amin Gemayel? Noch immer stehen die Zeichen schlecht für die Zukunft des Libanon: Die Familien-Fehden sind noch nicht beigelegt. Die Kämpfe zwischen den rivalisierenden, schwer bewaffneten Milizen können mit Waffenstillständen nicht beigelegt werden. Auch nach Berris Ernennung gab es wieder Tote bei Zusammenstößen in den Straßen Beiruts.

Von Karames Regierung hieß es schon vorher, sie sei eine der "letzten Chance". Noch ist nicht einmal sicher, ob sie ihre erste Sitzung überleben wird. D. St.