ARD, 14. Mai, 23.00 Uhr: "Wer erschoß Salvatore G.?", Film von Francesco Rost.

Rosi ist ein Chronist öffentlicher Leidenschaften. Die Politik ist sein Thema, das Nichtöffentlichwerden geheimer Machenschaften sein Motiv, mitreißende Theatralität seine Form. In einem Bergdorf bei Palermo, das von der Mafia in Schach gehalten wird, plazieren sich am Abend Männer auf der Piazza, als seien sie ein Opernchor. Aber sie singen nicht. Sie schießen. Noch spielt eine Maultrommel, dann brechen MG-Salven los, eine Polizeistation wird überfallen. Rosi zeigt das Arrangement der Täter, die Tat selbst bleibt im Dunkeln, Schüsse fetzen auf wie Wunderkerzen. Rosi zeigt die Kehrseite der Medaillen, die Recherche und die nicht lösbaren Rätsel, die Macht und die Unterwelt als Gegenmacht.

Seine Filme, von denen die ARD jetzt (bis Anfang Juli) eine bekannte Auswahl präsentiert, greifen ein. Das ist ihre dokumentarische Energie. Sie greifen auch vor, das ist eine utopische Kraft, die sich in den letzten Filmen Rosis stärker behauptet, wie zum Beispiel in "Christus kam bis Eboli" und "Drei Brüder".

Im Spätwerk erst läßt Rosi die eingreifende Form hinter sich und mit ihr die explosiven Augenblicke, in denen sich Wirklichkeit des heutigen wie gestrigen Italiens offenbarte. An ihre Stelle treten Momente von Wahrheit, die sich in implosiver Stille, das heißt angespannter Reflexion bekunden. "Der heutige Tag ist ein Resultat des gestrigen", schrieb Heinrich Heine in den Französischen Zuständen, "was dieser Tag gewollt hat, müssen wir erforschen, wenn wir zu wissen wünschen, was jener will." Rosi wünscht das Wissen.

Seine Filme sind auch als kritische Versuche zur aggressiven Selbstbehauptung ihrer Helden zu verstehen. In ihrer Gewißheit, ihrer condition humaine, Mann zu sein, werden sie gründlich verstört. Die Macht hat ihren Preis, die der Selbstherrlichkeit den bloß geborgten Glanz wieder abkassiert. "Cadaveri eccellenti" (Exquisite Leichen) trug den deutschen Titel "Die Macht und ihr Preis" (3. Juni). Hier macht der Regisseur Kassensturz und zuvor als genauer Registrator eine Bilanz: im Namen der von aller Macht Verschlissenen.

Immer sind es die aus engsten Verhältnissen Hervorbrechenden, die durch zähen Aufstieg der Macht teilhaftig werden, ohne zu ahnen, daß sie ihnen nur auf Zeit verliehen wurde von den Drahtziehern der Mafia. Ihnen erwies Rosi in allen Filmen noch durch negativ getönte Faszination seine Reverenz. "Lucky Luciano" (23. Juni) ist der Film, in dem sich diese Faszination einer Person ankristallisiert, die zuvor stets dem System und seinen verschlungenen Kanälen galt.

"Hände über der Stadt" (21. Juni) legt den Zeigefinger ins Nervengeflecht mißbrauchten, monopolisierter Macht. Ein Baulöwe in Neapel läßt Armenviertel mit Polizeischutz räumen; unterm Vorwand, die Armen vor dem Einsturz der Gebäude zu bewahren, spekuliert er mit der Massenware Wohnung zum Schaden der entwurzelten Bewohner. Napolitanische Verhältnisse, höhnte man hier 1962. Der Fiktion von damals wuchs die Wirklichkeit nach. "Hände über der Stadt", das könnte heute ein Berliner Mietspiegel sein. Schon im Titel bezeugt sich Rosis Verfahren, ein Pamphlet sinnlich aufzufüllen, um sodann dem Chaos die Chance eines vernünftigen Diskurses einzuräumen.