Von Klaus Viedebantt

In der weißen Vormittagssonne wirkten sie merkwürdig fremd, die Herren mit den Aktenkoffern und den dunklen Nadelstreifenanzügen. Die Frauen unter den schwarzen Kopftüchern paßten schon eher in die Szenerie. So wie sie da kauerten vor dem massiven Tor und dem rauhen, hohen Felswerk der Festung, sahen sie aus wie eine unheilvolle Rabenschar. Aber sie plapperten fröhlich wie eine vorlaute Spatzenbande. Sie hatten Grund zum Frohsinn, denn der Anlaß ihres Besuches auf der Insel war – unter den gegebenen Umständen – ein freudigen Besuchsstunde für Mütter, Ehefrauen, Schwestern und Anwälte im Gefängnis von Procida, dem heimatnahen Knast für Neapels schwere Jungs.

Procida ist ein guter Standort für die neapolitanische Haftanstalt, nicht nur der kommoden Anreise mit dem Linienschiff wegen. Die "vergessene Insel" im Golf von Neapel ist das einzige Eiland, das vom Tourismus fast frei ist. Von dem viersprachigen Schild im Hafen, das die Besucher willkommen heißt, darf man sich nicht blenden lassen. Hier beschwert sich kein Hotelier, wenn die Gäste in Handschellen landen, hier meckert kein Fremdenverkehrsdirektor, wenn auf den Zinnen der mittelalterlichen Burg zeitgenössische und wenig pittoreske Wächter mit geladener Flinte paradieren.

Warum die kleine Insel vom Haupterwerb Capris und Ischias unberührt blieb, weiß keiner so recht zu sagen. Procida liegt zwischen dem Capo Miseno auf dem Festland und der kleinen vorgelagerten Festungsinsel von Ischia, in Kanonenschußweite beider. Und dennoch rauschen die Tragflügelboote, tuckern die Autofähren meist an der Insel vorbei. Man muß schon genau auf den Schiffsfahrplan schauen, wenn man nach Procida will. In der Regel steigen Geschäftsleute oder Gefangene aus, hin und wieder sind auch Touristen dabei, die den unbekannten Felsflecken erkunden wollen, im Hochsommer oft sogar ein paar Dutzend.

Aber sie bleiben nur wenige Stunden, reisen spätestens am Abend wieder zurück in die bequemen Herbergen von Ischia. Gäste, die übernachten, sind die Ausnahme. Entsprechend niedrig ist die Zahl der Hotelzimmer und der Standard der Unterkünfte. Um ehrlich zu sein: Die "touristischen Attraktionen" des nur 3,7 Quadratkilometer großen Inselchens sind binnen eines Tages auch leicht abgehakt: die Altstadt um die Festung herum, die Abtei von San Michele inmitten des Gassengewirrs, der Hafen von San Cattolico, das Fischernest Corricella und die noch kleinere Nachbarinsel Vivara.

Aber Kenner reisen nicht nach Procida, um "abzuhaken"; sie gehen hier an Land, weil die Insel so anders ist als das internationale Glitzerding Ischia nebenan: ohne heiße Quellen und heiße Höschen, ohne Cafés mit deutschem Kuchen und Bars mit englischem Bier. Wer sich hier vergnügen will, muß sich unter die gelangweilte Dorfjugend im "Il Grottino" begeben und innen den Platz am Videospiel streitig machen. Oder er versucht sich am Telespiel in der "GM-Bar", einer schlichten Espresso-Station. Das sind schon fast die Höhepunkte von San Cattolico, wo alle Stränge der Insel zusammenlaufen, um sich am Fähranleger zu bündeln.

Ein hübscher Ort ist das, mit seinen hohen, pastellfarbenen Häusern, die so photogen angegammelt sind. Der Charme der Armut? Nein, den Procidanern geht es auch ohne Fremdenverkehr recht gut, sie sind eher lässig im Umgang mit ihren immobilen Werten. Procida ist im Mezzogiorno geschätzt wegen seiner prallen, wohlmunaigen Zitrusfrüchte, die Zitronen sind der Stolz der Insel, die blühenden und gelb leuchtenden Plantagen sind ihr Kollier. Überdies kommen ja auch regelmäßig die Überweisungen der Reedereien mit dem Postboot an – viele Männer Procidas folgen der alten Inseltradition und mustern auf Hochseeschiffen an.