Als vor einem Jahr, am 10. Mai, des Tages der Schande gedacht wurde, an dem vor fünfzig Jahren in Deutschland Bücher verbrannt worden waren, erinnerten manche Reden und Artikel auch an einen der wenigen tapferen Männer, die sich gegen den Ungeist des Nationalsozialismus wehrten, ohne sich zur Emigration nötigen zu lassen: Max Herrmann. Der Professor der Theaterwissenschaft in Berlin, am 14. Mai 1865 in Berlin geboren, bezahlte seine Weigerung, "Mitläufer" zu sein, mit dem Tode: Der siebenundsiebzigjährige Gelehrte starb, zehn Wochen nach der Deportation aus Berlin, im Konzentrationslager Theresienstadt an "Herzversagen", am 16. November 1942.

Max Herrmanns Vergehen? Als einer der wenigen Männer, die den Ehren-Titel "Professor" im Wortsinn als "Bekenner" verstanden, protestierte er, schon vor der öffentlichen Verbrennung von Büchern, gegen Zensur und Unterdrückung von Forschung, Lehre, Kritik aus wissenschaftlicher Erkenntnis.

Am 13. April 1933 erschienen in Berlin Plakate, auf denen "Die Deutsche Studentenschaft" in zwölf Punkten "Wider den undeutschen Geist" ins Feld zog. Auf diesen Anschlägen wurde den jungen Bürgern der Gelehrten-Republik mitgeteilt, was sie nach dem Willen der neuen Nazi-Regierung denken sollten, etwa dies: "Der Jude kann nur jüdisch denken. Schreibt er deutsch, dann lügt er... Wir fordern deshalb von der Zensur:... Deutsche Schrift steht nur Deutschen zur Verfügung ... Wir fordern die deutsche Hochschule als Hort des deutschen Volkstums und als Kampfstätte aus der Kraft des deutschen Geistes."

In den höflichen, fast devoten Wendungen eines im Kaiserreich groß und zum Professor gewordenen Mannes wehrt sich der Theaterwissenschaftler Max Herrmann in einem Brief an das Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung vom 1. Mai 1933 gegen diesen Ungeist:

"Hierdurch spreche ich die ergebene Bitte aus, mich freundlichst auf kurze Zeit zu beurlauben, solange nämlich, wie in der Universität die von der Deutschen Studentenschaft erlassene Erklärung ’Wider den undeutschen Geist’ öffentlich aushängt. Meinem Ehrgefühl, das in meiner allzeit gehegten und bekundeten nationaldeutschen Gesinnung tief verwurzelt ist, widerstrebt es auf das entscheidenste, meine akademische Tätigkeit in einem Hause auszuüben, in welchem über die Angehörigen einer Gemeinschaft, zu der ich durch meine Geburt gehöre, öffentlich gesagt wird: ‚Der Jude kann nur jüdisch denken; schreibt er deutsch, dann lügt er.’ Das widerstrebt mir um so entschiedener, als ich ja gerade das Wesen deutschen Geistes den Studenten verkündet habe. Ich schreibe deutsch, ich denke deutsch, ich fühle deutsch und ich lüge nicht."

Fast ein Jahr nach Veranstaltungen und Ausstellungen zur fünfzigsten Wiederkehr des Tages der "Bücherverbrennung" (ZEIT Nr. 23 vom 3. Juni 1983) erreicht die Feuilleton-Redaktion der ZEIT der Brief einer langjährigen Mitarbeiterin Max Herrmanns. Dr. Rutn Mövius, die heute in Magdeburg lebt und 1962 im Henschelverlag, Ost-Berlin, Hermanns nachgelassenes Werk herausgeben konnte: "Die Entstehung der berufsmäßigen Schauspielkunst im Altertum und in der Neuzeit", klärt einige bisher unsichere Daten ("Abtransport" aus Berlin am 8. September 1942; Tod in Tneresienstadt am 16. November 1942).

Ebenso wichtig wie Korrekturen falscher oder nicht gesicherter Daten Und Orte ist das Dokument der Erinnerung: Wir zitieren aus dem Brief und dem Nachruf vonRuth Mövius (in dem 1962 erschienenen Nachlaß-Band) – nicht nur, weil sogenannte Neo-Nazis die Millionen ermordeter deutscher Bürger jüdischer Konfession schmähen, sondern auch weil der "Holocaust" sich jedem Begreifen entzieht, nur im Schicksal einzelner Menschen erfahren werden kann – und weil dieser tapfere Wissenschaftler nicht vergessen sein soll: