Fade

"Der große Frost" von Lawrence Kasdan. Rot ist die Sonne, sagte Ernst Bloch einmal, wenn sie untergeht. Aber daß die Revolutionäre von gestern sich heute am Meeresufer niederlassen, um dem Untergang der Sonne nachzuträumen, hatte er wohl nicht gedacht. Hollywood macht eine Versöhnungsgeste, um die Aufsässigen von einst ins Kino heimzuholen. Der letzte Versuch, dieses zu wagen, stammte von Sidney Pollock mit seinem Columbia-Film "The Way We Were" (1973), der das dunkle Kapitel der McCarthy-Ära in Hollywood wenigstens etwas erhellte. "Der große Frust" geht so weit nicht. Er kann auf Rückblenden verzichten. Die antiautoritäre Bewegung, das Engagement für Vietnam (Nord) werden nur noch in Dialogen evoziert, aber eher im Partyton eines Pinter-Stücks, demzufolge alles anders gewesen sein könnte oder eben: "besser" auch gar nicht. Dieses ist der zweite Film von Lawrence Kasdan, der mit dem Debütfilm "Body Heat" ("Eine heißkalte Frau", 1982) überraschte. Nun klingt nach der großen Hitze die Begeisterung mit dem Frost ab, der über ihn kam. In diesem Film überrascht nichts. Er ist nicht zynisch, er ist nicht elegisch, er ist einfach fade. Das gute alte Novellenprinzip beherrscht den Film, der auch als Fernsehserie laufen könnte: acht Freunde kommen zusammen, nein: sieben, denn einer hat sich umgebracht, den sie beerdigen, aber da ist die viel jüngere Freundin des toten Freundes, die sich wunderbar stumm und schön in den Kreis aufnehmen läßt: Chloé, eine Tänzerin, die sich dem Beschwörungsgeschwätz der guten, wilden Zeit entzieht und am Ende den zynischen Vietnam-Veteranen von seiner Liebesunfähigkeit kuriert. Die Freunde einte das Gefühl des sozialen Engagements. Unterschichten im Hartem-Viertel der Marsch auf Wellington (Norman Mailer berichtete darüber in "Armies of the Night"), Demonstration gegen den Krieg. Nur einer: Alex, nahm es ernst und stieg aus seiner wissenschaftlichen Karriere aus, um Sozialarbeiter zu werden. Für seinen endgültigen Ausstieg, den Selbstmord, gibt es keine Erklärung, außer der im Allgemeinen verlorenen Hoffnung. Da sitzen sie nun, die Hinterbliebenen, joggen und kochen zusammen, genießen ein sonniges Wochenende in einer Südstaatenvilla, lauschen der Pop-Musik der alten Tage. Die Schauspieler zähle ich nicht auf, verrate aber, daß die Frau des Regisseurs einen Auftritt als Stewardess hat. Karsten Witte

Apokalyptisch

"Der letzte Kampf von Luc Besson ist die ungewöhnliche Variante eines bekannten Themas. Ein phantastisches Endzeitdrama zwischen einigen zufällig Überlebenden einer (möglicherweise nuklearen) Katastrophe, inszeniert von einem 23jährigen Debütanten mit erstaunlicher Stilsicherheit. Die leider selten gewordene (weil nur für die große Leinwand geeignete) Kombination aus schlichtem Schwarz-Weiß und opulentem Cinemascope betont die Trostlosigkeit der zerstörten Schauplätze, auf denen sich die Akteure hilflos bewegen. Inmitten der archaischen Barbarei, in der das Recht des Stärkeren gilt, gibt es aber auch Ansätze der Zivilisation. In einem verfallenen Krankenhaus, auf dessen Wänden die Höhlenzeichnungen von Lascaux wiederentstehen, wird der Held von einem kauzigen Arzt (Jean Bouise), einem Robinson Crusoe der Apokalypse, gesund gepflegt, um ihm dann Modell zu stehen, mit ihm Tischtennis zu spielen oder in das Ritual eines kultivierten Diners eingeweiht zu werden. Dies sind Szenen von spröder Poesie, zu optimistisch, um wahr zu sein. Krischan Koch

Verlogen

"Der Liquidator" von J. Lee Thompson, der seit über dreißig Jahren betont konventionelles Unterhaltungskino macht. Mitte der siebziger Jahre dreht er auch Filme mit, über und um Charles Bronson herum. Wichtiger als die Geschichten, die da erzählt werden, sind Gestik und Mimik des Stars. Bronson-Filme sind eitle Illustrationen von Vorurteilen. Sie setzen reaktionäre Wünsche’so selbstverständlich in filmische Realität um, wie sie ein Gesicht zur abenteuerlichen Landschaft inszenieren. In "The Evil That Men Do" befreit unser Held die Menschheit von einem der brutalsten Folterspezialisten. Ein eiskalter Killer killt einen Killer, der Freude und Lust bei seinem Job empfindet. Nicht die Folter, nicht das Toten sind das Problem; bestraft wird allein die Lust. So verlogen die Konstruktion, so eitel ihre Gestaltung im Detail. Norbert Grob

Empfehlenswerte Filme

"Das Geld" von Robert Bresson. "Der Kontrakt des Zeichnen" von Peter Greenaway. "Das Fenster nun Hof von Alfred Hitchcock. "Das Schloß im Spinnwebwald" von Akira Kurosawa. "Ärger im Paradies" von Ernst Lubitsch. "Erzählungen unter dem Regenmond" von Kenji Mizoguchi. "Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse" von Ulrike Ottinger. "Koyaanisqatsi" von Godfrey Reggio. "Das Leben ist ein Roman" von Alain Resnais. "Eine liebe von Swann" von Volker Schlöndorff. "Kanakerbraut" von Uwe Schrader. "Der Schlaf der Vernunft" von Ulla Stöckl. "Nostalghia" von Andrej Tarkowski. "Auf Liebe und Tod" von François Truffaut.