Von Michael Jungblut

Die IG Metall hat bei den ersten Urabstimmungen im Konflikt um die 35-Stunden-Woche in Baden-Württemberg ein Traumergebnis erzielt: genug Stimmen, um vor den Arbeitgebern nicht wie ein geschlagener Haufen dazustehen; nicht genug Stimmen, um nun bedenkenlos in den Streik zu ziehen für eine Forderung, die nach wie vor eine große Mehrheit der Bevölkerung als unsinnig ablehnt.

Als die ersten Auszählungsergebnisse bekanntgegeben wurden, ist manchem Funktionär ein Stein vom Herzen gefallen; vielen Gegnern einer generellen Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit fiel die Kinnlade herunter. Hatten nicht die Demoskopen einen ganz anderen Ausgang der Urabstimmungen erwarten lassen?

Doch wer das angenommen hatte, deutete weder die Ergebnisse der Umfragen noch die der Urabstimmung richtig. Die Demoskopen hatten die Arbeitnehmer gefragt, was sie von einer 35-Stunden-Woche mit vollem Lohnausgleich halten, aber nicht, wie sie sich bei der Urabstimmung verhalten würden. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Viele Metaller haben ihr Ja zu einem Streik gegeben, weil sie ihrer Gewerkschaft eine schwere Niederlage ersparen wollten – nicht weil sie davon überzeugt sind, daß eine Verkürzung der Arbeitszeit für mehr Beschäftigung sorgt (siehe dazu: "Sieg der Solidarität", Seite 25/26).

Auch die auf den ersten Blick beeindruckende Zahl von 80,05 Prozent der Stimmen für einen Streik bedarf der Interpretation. Erstens ist dies das schlechteste Ergebnis, das die IG Metall je in Baden-Württemberg erzielt hat. Zweitens wurde bewußt die Region ausgewählt, in der sich die Gewerkschaft ihrer Sache noch am sichersten sein konnte. Drittens sind Urabstimmungen nicht mit allgemeinen Wahlen zu vergleichen. Wenn die IG Metall ihre Mitglieder aufruft, einen Beschluß des Vorstandes zu bestätigen, dann ist das so, als ließe Franz Josef Strauß ausschließlich CSU-Mitglieder in einem als besonders zuverlässig bekannten Kreisverband darüber befinden, ob sie einen von den Sozialdemokraten heftig befehdeten Beschluß der Münchner Parteileitung gutheißen.

Aus diesen Gründen dürren die IG Metall und ihre Verbündeten nun auch nicht so tun, als gäben ihnen die Urabstimmungen eine ähnliche Legitimation wie das Resultat einer allgemeinen, demokratischen Wahl. Sie haben zwar die – mit wieviel Bedenken auch immer gegebene – Zustimmung ihrer treuen Mitglieder in einem kleinen Teil der Bundesrepublik zu Kampfmaßnahmen erhalten. Aber das, was sie notfalls mit Hilfe eines Arbeitskampfes "von noch nie dagewesener Härte" (IG-Metall-Tarifexperte Janßen) erzwingen wollen, betrifft nicht nur ihre eigenen Mitglieder. Eine massive Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich hätte in jedem Fall Folgen weit über den Bereich der unmittelbar Betroffenen hinaus. Opfer einer solchen Politik wären zum Beispiel auch die Rentner: Für Rentenerhöhungen bliebe auf Jahre hinaus nichts übrig, wenn der ganze Verteilungsspielraum ausschließlich zur Verkürzung der Arbeitszeit genützt würde. Wer stets gegen "Sozialabbau" wettert, sollte diese Folgen für die sozial Schwächsten in unserer Gesellschaft nicht stillschweigend übergehen.

Wenn sich die IG Metall und die sie unterstützenden Gewerkschaften über solche Bedenken allerdings hinwegsetzen und so tun, als sei die Ablehnung ihrer Forderungen bei der Mehrheit der Bevölkerung ohne jeden Belang, dann laufen sie Gefahr, daß ihre eigene Legitimation immer stärker in Frage gestellt wird. Woher wollen sie dann in Zukunft das Recht nehmen, für die Arbeitnehmerschaft insgesamt zu sprechen? Ihre Stellung nach innen wie nach außen würde gewiß nicht gestärkt, wenn sie jetzt die Solidarität ihrer Mitglieder mutwillig auf die Probe stellten. Denn selbst viele von denen, die bei der Urabstimmung mit Ja stimmen, tun dies mit dem gleichen Gefühl wie Soldaten, die bloß zum höheren Ruhme des Feldherrn kämpfen sollen.