Von Christian Graf von Krockow

Zitat: "Wie deutsche Ideologen melden, hat Deutschland in den letzten Jahren eine Umwälzung ohnegleichen durchgemacht. Der Verwesungsprozeß des Hegeischen Systems, der mit Strauß begann, hat sich zu einer Weltgärung entwickelt, in welche alle ‚Mächte der Vergangenheit‘ hineingerissen sind. In dem allgemeinen Chaos haben sich gewaltige Reiche gebildet, um alsbald wieder unterzugehen, sind Heroen momentan aufgetaucht, um von kühneren und mächtigeren Nebenbuhlern wieder in die Finsternis zurückgeschleudert zu werden. Es war eine Revolution, wogegen die französische ein Kinderspiel ist, ein Weltkampf, vor dem die Kämpfe der Diadochen kleinlich erscheinen. Die Prinzipien verdrängten, die Gedankenhelden überstürzten einander mit unerhörter Hast, und in den wenigen Jahren 1842-1845 wurde in Deutschland mehr aufgeräumt als sonst in drei Jahrhunderten. – Alles dies soll sich im reinen Gedanken zugetragen haben."

Das schrieb Karl Marx, 1845/46, in seiner "Deutschen Ideologie". Setzt man für "Hegelsches System" anderes ein, etwa "Frankfurter Schule" und die Jahreszahlen 1968-1972, so klingt das Zitat seltsam aktuell Im "rein Geistigen" jedenfalls war der Aufwand beträchtlich; die "Neue Linke" hat alles Bestehende kritisch "hinterfragt" und auf- oder abgeräumt. Der Buchmarkt aber wurde schier überschwemmt mit Werken, die der Umwälzung ohnegleichen sich widmeten. Doch was eigentlich wurde jenseits des reinen Gedankens Kai bewirkt?

Betrachtet man das Gegenlager, die konservative "Tendenzwende", so liegt es nahe, genau umgekehrt zu formulieren: Der geistige Aufwand blieb stets bescheiden, um nicht zu sagen dürftig; kein Ernst Jünger, Carl Schmitt oder nur "Tat"-Kreis weit und breit. Eigentlich war mit gefühlsbetonten Beschwörungen, zum Beispiel von abendländischfreiheitlichen "Grundwerten", schon alles getan – und konsequent genug. Denn wozu noch die geistigen Unkosten, wenn man jenseits des Gedankens, in der Wirklichkeit, um so wirksamer gegensteuert?

Sogar die Darstellungen des Konservatismus werden in erster Linie von dessen Kritikern verfaßt. Vorab ist an Martin Greiffenhagens Standardwerk zu erinnern, "Das Dilemma des Konservatismus in Deutschland", 1971. Drei neuere Bücher sollen hier vorgestellt werden, und an erster Stelle ist die Festschrift für Fritz Fischer zu nennen:

Dirk Stegmann, Bernd-Jürgen Wendt, Peter-Christian Witt (Herausgeber): "Deutscher Konservatismus im 19. und 20. Jahrhundert"; Verlag Neue Gesellschaft, Bonn 1983; 372 S., 38,– DM.

Festschriften, längst inflationiert, wirken meist mißlich, oft sogar peinlich: Wer mit der Aufforderung zur Teilnahme beehrt wird, durchstöbert alte Ablagen nach einem passenden Manuskript, das dann eilig aufgemöbelt wird. Im Ergebnis entsteht ein Strauß aus Rosen, Disteln und Dornen.