Selbst den besten Kennern der russischen Kunst dieses Jahrhunderts gelingt es nicht, die so ereignisreichen zwanzig Jahre von 1910 bis circa 1930 in allen Einzelheiten aufzuklären und zu dokumentieren. Unzählige Gruppen, Gesellschaften und Vereine wurden von den Künstlern gegründet, spalteten sich und bekämpften einander mit erbittertem doktrinären Wahrheitsanspruch. Dennoch stellten die Mitglieder dieser Gruppen zusammen aus, trafen sich zu Diskussionen, nahmen gemeinsam an staatlichen Aufträgen teil oder waren Lehrer an den mittlerweile legendären Kunsthochschulen in der unmittelbaren nachrevolutionären Periode.

In der kunsthistorischen Aufarbeitung scheint diese Vielfalt in der Kunst des vorrevolutionären Rußland und der jungen Sowjetunion verlorengegangen zu sein. Jahrzehntelang wurde in der Sowjetunion nur der staatlich-ideologisch verordnete sozialistische Realismus geduldet, die abstrakte Tradition in der Kunst des Landes vollkommen ausgespart und unterdrückt. Im Westen wurde genau umgekehrt verfahren. Hier nahm man nur die Helden der Abstraktion zur Kenntnis: Malewitsch, Tatlin, Larionow und Gontscharow. Das Bild der revolutionären Kunst Rußlands wurde nicht zuletzt bestimmt durch die emigrierten Künstler wie Kandinsky oder Chagall, die ihre Weltkrrieren im Westen gemacht haben.

Vergessen oder verdrängt wurde dabei, daß der Realismus nicht nur eine Ausgeburt kommunistischen Kulturfunktionärtums war, sondern seinen festen Platz in der russischen Kunstgeschichte hat. Die theoretisch-ästhetische Auseinandersetzung der russischen Avantgardekünstler vor allem in den zwanziger Jahren, die mit den Schlagworten "Produktionskunst" und "Staffelmalerei" geführt wurde, war nur überlagert durch die politische zwischen "Rechten" und "Linken".

Natürlich kann man diese Phase der Kunst in der Sowjetunion unmittelbar nach der Revolution nicht ohne Einbeziehung der Politik beschreiben, andererseits kann man die Politik aber auch nicht zur Erklärung für jede künstlerische Entwicklung heranziehen. In der einseitigen Förderung der an der Malerei festhaltenden, in ihrer Mehrheit schließlich zum Realismus zurückkehrenden Künstler durch die Kulturbürokratie in der Sowjetunion und die Kanonisierung der Produktivsten, Suprematisten und Konstruktivisten durch die westliche Kunstgeschichtsschreibung und die Museen ist die Einheit der Kunst dieser Zeit zerbrochen worden.

Nun soll sie nicht künstlich dort wiederhergestellt werden, wo sie nie existiert hat, im Detail nämlich. Aber das Unternehmen der Galerie Gmurzynska, anhand der Künstlergruppe "Karo-Bube" (Budnowyi walet) die Vielfalt der Kunst dieser Jahre in einem einheitlichen Willen zur Erneuerung zu dokumentieren, ist auch ein Akt der Wiedergutmachung und der Revision eines einseitigen Bildes. Er kommt vor allem jenen Künstlern zugute, die bisher im Westen gar nicht oder nur mit wenigen Bildern bekannt waren: Alexandr Brewin, Pjotr Kontschalowski, Alexandr Kuprin und Aristarch Lentulow. So weit ihre Arbeiten im einzelnen auch auseinanderliegen mögen, gemeinsam waren ihnen die Berufung auf Cézanne, die Schulung an der französischen Kunst des ausgehenden 19. Jahrhunderts und das Festhalten an der Tafelmalerei. Das Attribut "Neo" vor ihrer Stilbezeichnung kennzeichnet sie dennoch nicht als epigonale Künstler, es signalisiert aber wohl das gemeinsame künstlerische Schicksal, den Durchbruch in die reine Höhenluft der Abstraktion, der Konstruktion, der Suprematie (Malewitsch) nicht erreicht zu haben.

Als die Gruppe unter dem Namen "Karo-Bube" 1910 zum ersten Mal mit einer Ausstellung an die Moskauer Öffentlichkeit trat, waren auch Bilder von Kandinsky, Larionow und Gontscharowa vertreten. Aber bereits im Herbst 1911 spaltete sich die aus einem Studentenprotest hervorgegangene Gruppe wieder und Larionow gründete mit anderen den "Eselsschwanz".

Im Katalog ist nachzulesen, daß sich in der Restgruppe ausschließlich die Künstler mit realistischen Positionen durchsetzten. Waren diese auch in den zwanziger Jahren noch an Cézanne und dem französischen Nachimpressionismus orientiert, so verloren sie später weitgehend die Orientierung und vesanken in einem gefälligen bis opportunistischen Realismus. Kaum einer dieser Künstler hat das Niveau dieser Jahre durchhalten können, die kurze avantgardistische Periode blieb vor allem bei denen eine Ausnahme, die sich vom Realismus nicht lösen konnten. So bleiben denn auch gewisse Zweifel angesichts der Auswahl der Ausstellung, sowohl hinsichtlich der Werke als auch der Künstler. Der wie immer opulente Katalog, diesmal ausschließlich von sowjetischen Kunsthistorikern geschrieben und zusammengestellt, vermeidet weitgehend den notwendigen Vergleich und die Aufarbeitung der einzelnen Positionen, wie sie auch innerhalb der Gruppe zum Ausdruck gekommen sind. So einseitig die Darstellung dieser Jahre der sowjetischen Kunst im Westen auch gewesen sein mag: das Pendel sollte nun nicht allzuweit zur anderen Seite hin aus schwingen – nur, um sich die gute Laune der anderen Seite zu erhalten. So wird beispielsweise die tragische Figur des Malers Alexandr Drewin auch nicht angemessen dokumentiert.