Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im Mai

In Stuttgart ist die CDU endlich auch wieder als Partei zu besichtigen. Nicht, daß sie sich seit ihrem Kölner Bundestreffen vor einem Jahr bequem in die Polster der zurückgewonnenen Regierungsmacht zurückgelehnt hätte. In der Schlußphase des Streits um die Raketenstationierung im vergangenen Jahr hat sie kräftig mitgehalten. Aber spätestens danach erschien sie wie weggetaucht. Sie stand mehr im Schatten ihrer Regierung, als dies sonst Regierungsparteien widerfährt.

Dabei hat es in der Zusammenarbeit zwischen den christlich-demokratischen Kabinettsmitgliedern und ihrer Partei bisher kaum geknirscht. Ohnehin hat sich die Union stets so selbstverständlich zur Machtausübung berufen gefühlt, so sehr als eigentliche Kanzler- und Regierungspartei begriffen, daß es ihr niemals in den Sinn käme, ihre Regierungsfähigkeit durch Querdenkerei und innere Opposition zu gefährden. Das skrupulöse Verhältnis der SDP zur Macht ist der CDU fremd. Ihre längst abgeschlossene Verwandlung von einem Kanzlerwahlverein in eine politische Großorganisation mit virtuos gehandhabtem Apparat hat daran schon gar nichts geändert.

Dennoch gibt es kritische Untertöne. Im Kanzleramt zum Beispiel heißt es, man könne sich von der Partei mehr flankierende Hilfe vorstellen; in der parteipolitischen Auseinandersetzung verlasse sich die Union zu sehr auf die Regierungsmaschinerie. Im Bonner Konrad-Adenauer-Haus hingegen, dem CDU-Hauptquartier, ist zuweilen davon die Rede, das Kanzleramt sei eine "Fehlanzeige"; seine wichtigsten Mitarbeiter brächten zu wenig für die Partei ein.

Bei genauerem Zusehen gibt es wenig Anlaß zu gegenseitigen Vorwürfen. Helmut Kohl ist die oberste und mächtigste Klammer, nicht nur Kanzler, sondern unverändert auch Übervater der Partei. Darunter sorgt Heiner Geißler für das Zusammenspiel, nicht nur als ein profiliertes Kabinettsmitglied, sondern in erster Linie auch als CDU-Generalsekretär. Der Rückhalt, den er sich in der Union als Kämpfernatur, des öfteren auch als polemischer Schlagetot, erarbeitet hat, kommt seinem Regierungs- und Parteiamt gleichermaßen zugute.

Ohnedies ist der Kanzler weit davon entfernt, abzuheben – auch wenn manche an ihm hin und wieder selbstherrliche Anwandlungen erleben. Mit weit über drei Jahrzehnten Parteierfahrung, als einer, der wie kein Regierungschef vor ihm in und mit seiner Partei großgeworden ist, weiß Helmut Kohl genau, daß die eigentliche Quelle seiner Macht in der CDU liegt. Deshalb ist es kein Zufall, wenn er, nicht nur zu Wahlzeiten, bei Landtagsfraktionen seiner Partei Wahlzeiten, oder immer wieder Landesparteitagen die Ehre gibt. Wie 1983 die Wahlkampfkommission, so leitet er auch jetzt höchstpersönlich das Parteigremium für den europäischen Stimmenfeldzug, kümmert sich noch um Einzelheiten der Plakate oder ist in der Partei, wie jemand im Kanzleramt sagt, "sein eigener Schatzmeister". Vor allem aber leitet Helmut Kohl, als CDU-Vorsitzender, das Parteipräsidium. Ehedem war diese Runde, wie der jetzige Fraktionsvorsitzende Alfred Dregger einmal gesagt hat, eine "eher trostlose Veranstaltung". Inzwischen ist daraus ein ganz eigenständiger Zirkel geworden. Früher tagte das Präsidium meistens nur kurz vor dem CDU-Vorstand. Mittlerweile kommt es, zur gelinden Eifersucht des Vorstands, häufiger als je zuvor zusammen und berät bis zu fünf Stunden. Regelmäßig hinzugezogen werden auch Parteigrößen, die ihm nicht angehören, so die Länderchefs Vogel, Zeyer und Diepgen.