Von Marlies Menge

Lüchow-Dannenberg

Unsere Heike hätte ja am liebsten gehabt, wenn ich mit unserm Trecker auch ein bißchen die Straße gesperrt hätte, letzte Woche bei der Blockade hier bei uns", sagt Elfriede Hansen. "Aber da müßten Sie mal Erwin, meinen Mann, hören: Über 30 000 Mark hat die Maschine gekostet, die laß ich mir doch nicht von Chaoten oder Polizisten zertrümmern! Also wirklich – nichts wie Ärger hat man mit diesem ollen Atomschiet. Mein Mann und unsere Heike sind sich schon ganz spinnefeind deswegen. Als damals die Trecker nach Hannover hin sind, da war Erwin fast noch mitgefahren. Aber dann kam diese Freie Republik Wendland, dieses Dorf mit den Zelten und den jungen Leuten, die wie Zigeuner da kampiert haben, und da ging das mit Erwin schon los, daß er anfing, auf die Leute zu schimpfen. Na ja, so richtig ordentlich und adrett sehn die ja wirklich nicht aus. Heike war ja damals Gott sei Dank noch zu lütt. Die hat erst später mitgemacht, letztes Jahr zu Ostern zum Beispiel Da hat sie auf dem Marktplatz ‚geschwiegen für das Leben‘, so hieß das. Haben da einfach eine Weile gestanden und nichts gesagt. Und zum Ostermarsch ist sie mit ringsum Dragahn gelaufen, da wo die WAA hinkommen soll."

Es ist üblich, bei Demonstrationen über die Demonstranten und das Polizeiaufgebot zu berichten. Das Ereignis wird zur Statistik degradiert, selten kommen jene zu Wort, die nicht nur anreisen, um zu demonstrieren oder Demonstranten beiseite zu schaffen, sondern die schon vorher da waren und da bleiben werden, die auf ihre Weise den Rummel betrachten. Was würde zum Beispiel die Frau eines Landwirts im Kreis Lüchow-Dannenberg sagen, oder genauer: was hat sie gesagt nach der Straßenblockade in der vergangenen Woche? Erfunden sind nur ihr Name und einige unwichtige Einzelheiten zur Person. Was sie denkt, denkt sie so, wie hier beschrieben. Was sie sagt, ist das, was, hier notiert wurde.

Elfriede Hansen, 46 Jahre alt, verheiratet mit Erwin Hansen, der auf Milchvieh spezialisiert ist: 20 Kühe und 120 Morgen Land, auf dem er vor allem Gerste und Weizen anbaut. Sohn Jürgen arbeitet als Elektromonteur in Mönchengladbach. Wenn Elfriede Hansen Urlaub macht, fährt sie ihn, seine Frau und die beiden Enkelkinder besuchen. Die 18jährige Tochter Heike will später den Hof übernehmen. Frau Hansen versorgt aus ihrem Garten die Familie mit Obst und Gemüse. Sie hat 40 Stück Federvieh, zwei Schafe mit je zwei Lämmern. Sie ist klein und rundlich, und ihre blonden Haare sind dauerwellengelockt. Sie kocht und backt gern, und ihr Stolz sind die Blumen im Vorgarten.

"Ich weiß ja auch nicht, ob das richtig war: einfach einen ganzen Tag die Straßen zumachen. Der Bierwagen zum Beispiel, der kommt montags aus Lüneburg. Der war wegen der Blockade extra früher gekommen. Was meinen Sie, was die Männer gesagt hätten, wenn sie wegen der Blockade kein Bier und keinen Schluck mehr gekriegt hätten! Und unsere Großschlachterei, die holt montags immer ihr Schlachtvieh. Soll sie es aus dem Landkreis holen, sagt Heike. Und besser einen Tag kein Bier als ein Leben lang tot. Die Blockade war dafür, sagt unsere Heike, damit die Leute mal sehn, wie das geht, wenn ein Atomunfall ist: dann brauchen die die Straßen nur dichtzumachen, und wir sitzen da mit unserer Verseuchung.

Mein Pflaumenbaum, der mit den schönen gelben Bauernpflaumen, ist beinah völlig abgestorben. Nur noch ein Ast hat Knospen. Siehste, habe ich zu Heike gesagt, das haben wir nun schon davon. Aber stimmt gar nicht. Noch ist es nämlich nicht soweit. Das in Dragahn, wogegen sie dauernd demonstrieren, wo sie diese Atomdinger, die schon mal abgebrannt sind, renovieren wollen, damit sie noch mal brennen können oder sogar Bomben davon machen, also das Ding soll erst gebaut werden. Und ob es hier oder in Bayern hinkommt, entscheiden sie im Herbst. Das Endlager in Gorleben, wo sie diesen Atommüll für alle Ewigkeit in die Salzstöcke schieben wollen – das wird auch erst noch entschieden, ob es da nun hinkommt oder nicht. Es gibt ja Wissenschaftler, hat in der Elbe-Jeetzel-Zeitung gestanden, die sagen, ist gar nicht sicher, ob die Salzstöcke den Atommüll wirklich sicher festhalten. Und wenn nicht – dann gnade uns Gott! Das Zwischenlager in Gorleben ist fertig, aber da kommen die ersten Behälter mit dem ekligen Atomschrott erst im Sommer hin.