Hamburg

Der Doktor Martinus Luther hat gesagt "die Ehe ist ein weltlich Geschäft"; und der Ex-Mönch mit seiner angeheirateten Ex-Nonne soll wohl gewußt haben, wovon er sprach. Der Pastor Christian Arndt aus Hamburg hat Luther konsequent fortgedacht; und nun wird ihm dafür die heiße Hölle auf Erden bereitet. Seine Kirchenleitung ermittelt in einem "Amtszuchtverfahren" gegen den 40jährigen Theologen und wird voraussichtlich in der nächsten Woche entscheiden, wie sie ihn züchtigt. Von Rüffel bis Rausschmiß reicht der Katalog.

Der Pastor Arndt aus der Kirche Luthers hat nämlich zwei Frauen miteinander verheiratet, sprich: einander angetraut fürs Leben. Wie weiland Luther, der das geheiligte Sakrament der (katholischen) ehernen Ehe für seine Kirche zur Amtshandlung verweltlichte, machte der Hamburger Gemeindepastor sich lange Gedanken darüber, wie es mit der Ehe in seiner Zeit bestellt ist. Wo Ehen geschlossen werden, deren Partner von Anfang an gar nicht daran denken, Nachwuchs in diese Welt zu setzen, oder wo sie sich gegenseitig das Recht auf sexuelle Untreue einräumen, da, so meinte Pastor Arndt, könne ein unterschiedliches Geschlecht beider Ehepartner auch nicht mehr die unumstößliche Voraussetzung für eine kirchliche Trauung sein.

Als daher Sabine Löschenkohl und Sylvia Hansen, beide 27 Jahre alt, zu ihm kamen, enttäuschte er sie nicht wie drei Amtskollegen vorher. Er führte zwei Traugespräche mit ihnen, ließ sich dabei davon überzeugen, daß sie es ernst meinten miteinander und mit ihrem Bund fürs Leben – und daraufhin erteilte er ihnen am Mittwoch vor Ostern in seiner Friedenskirche im Süden St. Paulis seinen Segen. Zehn Traugäste waren anwesend, sangen "Lobet den Herrn" und hörten, wie er den Trauspruch verlas: "Laßt einander annehmen und nehmt Euch gegenseitig an, so wie Christus Euch angenommen hat."

"Jesus hat sich immer vor allem für die Diskriminierten, die Verfolgten, die Minderheiten eingesetzt", sagte der Pastor anschließend frohgemut über seine Beweggründe, "das Lebensrecht der Beladenen müssen wir als Kirche heute vertreten, da dürfen wir nicht diskriminieren, wie es der Staat und die Gesellschaft tun."

Am Dienstag nach Ostern freilich mußte Pastor Arndt erfahren, daß es doch tatsächlich Leute gibt, die mit noch lutherischerer Konsequenz die Ehe als weltlich Geschäft betrachten. Die beiden von ihm Getrauten hatten nämlich eine Frau mit in die Kirche gebracht, in deren Gegenwart der links-alternative Arndt, in Stadtteilarbeit, Ausländerbetreuung und Friedensbewegung engagiert, die Trauung wohl kaum vollzogen hätte, hätte er davon gewußt: eine Reporterin der Bild-Zeitung. Das Blatt hatte somit für mehrere Tage seine Schlagzeilen – in der überregionalen Ausgabe etwas kleiner, dafür im Hamburg-Teil noch größer aufgemacht als Hackethal: "Lesbische Hochzeit – Fliegt Pastor raus?"

Was der Pastor zwar offen und ehrlich, aber eben auch kirchenintern und nichtöffentlich gewollt hatte, wurde somit zum reißerischen Spektakel – und für ihn zu einer persönlichen Qual. Der Pastorenkonvent seines Kirchenkreises brachte ihn dazu, ein Amtszuchtverfahren gegen sich selbst in Gang zu setzen. Bis das entschieden ist, ist er krankgeschrieben und hat einen Maulkorb verpaßt bekommen. "Ich darf mich zu der ganzen Sache jetzt nicht mehr äußern", sagt er, gar nicht mehr frohen Mutes, am Telephon und verweist an die Leitung der nordelbischen Kirche in Kiel. Der Sprecher der Kirchenleitung verneint kategorisch, daß es sich bei einer Lebensgemeinschaft zweier Homosexueller oder zweier Lesbierinnen jemals um eine Ehe handeln könne: "Die Ehe ist ja schließlich auch auf Fortpflanzung aus."