Von Petra Lehnert

Es ist nicht leicht, ein Land zu verlassen, in dem man zehn bis zwanzig Jahre gelebt und gearbeitet hat – und viel mehr verdienen konnte, als dies in der Heimat möglich war oder sein wird. Dennoch kehren viele Türken der Bundesrepublik für immer den Rücken. Ahmet hat sich noch nicht zur Rückkehr entschieden. Er hofft noch auf Arbeit. Sollte er jedoch in den nächsten Wochen keine Stelle finden, wird auch er die Reise an den Bosporus antreten. Nicht etwa, daß er zurück in die Türkei möchte, aber ohne Arbeit bleibt ihm keine Wahl.

Dreizehn Jahre lang hatte Ahmet in der Bundesrepublik gearbeitet und mit seiner Familie in Nürnberg gelebt. Dann wurde er wie so viele seiner Landsleute arbeitslos. Unter den Ausländern liegt die Arbeitslosenquote mit fünfzehn Prozent weit über dem Bundesdurchschnitt. Ahmet traf der Verlust seiner Stelle besonders hart, denn er hat auch nach dreizehn Jahren Beschäftigung nur eine befristete Arbeitserlaubnis, die lediglich für einen ganz bestimmten Arbeitsplatz gültig ist. Daher kann Ahmet auch keine Arbeitslosenhilfe beziehen, sondern es bleibt beim Arbeitslosengeld.

Als großes Handicap erweist sich sein Status auf der Suche nach einer neuen Beschäftigung. Das Arbeitsamt vermittelt ihn erst, wenn alle Deutschen oder Ausländer mit unbeschränkter Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis untergebracht sind – so wollen es die Bestimmungen. Er versucht also, ohne Hilfe des Arbeitsamtes eine neue Anstellung zu finden. Selbst wenn er Glück haben sollte, kann ihm ähnliches passieren wie in Hamburg einem jungen Landsmann. Der hatte einen Ladenbesitzer gefunden, der ihm eine Chance geben wollte. Er ging zum Arbeitsamt, um sich eine befristete Arbeitserlaubnis für diese Stelle ausschreiben zu lassen. Bei der Behörde zeigte man sich hoch erfreut über die Meldung einer offenen Stelle und rief den Besitzer an; ob er nicht lieber einen Deutschen oder einen Ausländer mit unbefristeter Arbeitserlaubnis einstellen wolle?

Deshalb ist es nicht erstaunlich, daß Ahmet trotz allen Eifers auch nach drei Jahren noch keinen neuen Arbeitsplatz gefunden hat. Lange schon hat er seine Familie in die Türkei geschickt, denn von 240 Mark Sozialhilfe können sie hier nicht existieren. Ahmet hat das Rauchen aufgegeben, ißt nur einmal alle 24 Stunden und womit bei Bekannten. So kann er seiner Familie wenigstens ein paar Mark zum Leben schicken. Ahmet lebt mit der Angst, ausgewiesen zu werden. Er bezieht Sozialhilfe, daß reicht als Grund.

Wenn er demnächst dennoch seine Koffer freiwillig packen sollte, wird neben der Hoffnungslosigkeit eine Verlockung der Grund sein. Ahmet kann sich dann nämlich seine Rentenansprüche vorzeitig auszahlen lassen.

Er wäre damit einer von bisher etwa fünfzigtausend Ausländern, die das Rückkehrhilfegesetz in Anspruch nehmen. Er tut es ungern, denn er weiß, daß er dadurch seine Altersversorgung zerstört. Aber wie soll es weiter gehen, was soll er in der Türkei, einem Land mit fast zwanzig Prozent Arbeitslosen, anfangen? Er zuckt mit den Schultern, deutet auf seine leeren Taschen und meint mit verzweifelter Ironie: „Schäfer vielleicht!“.