Von Horst Vetten

Habe ich unchristlichä Anschlag auf Sie vor. Könnän Sie kommän um neun Uhr?"

"Ogott!"

"Bittää!"

"Na gut."

"Bißchän Frühstück?"

"Nuja."

Damast; Silber. Meißener Porzellan. Champagner Moët et Chandon. Wachsweiches Ei mit Kaviar, mittelgroßes Korn. Prager Schinken, lauwarm. Gänseleber. Crime de fromage. Kaffee oder Espresso?

Bißchen Frühstück bei Ferenczy. Der Mann lebt in einer Bijouterie. Was immer man in Silber, aus Silber, mit Silber an die Wand hängen, auf die Kommode stellen oder als Kammgarnitur ins Klo hängen kann: Josef von Ferenczy hat es an der Wand nängen, auf der Kommode stehen oder im Klo liegen. Wohin das Auge fällt: Symbollik. Der Mann versilbert, was ihm in die Hände fällt. Am meisten ausgerechnet deutsche Sprache. Neuerdings sogar für "däm ÄGä" – die Europäische Gemeinschaft.

Er hat irgendwann einmal aufgehört, die deutsche Sprache weiterzulernen, wahrscheinlich hat er gemerkt, daß ihm, dem Ungarn, sein fließend gebrochenes Deutsch besser steht. Er weiß genau, was ihm steht.

Ein Mann wie aus Waraschin. Das Oberlippenbärtchen nach Art des USfranzösischen Schauspielers Menjou. Verschleierter Blick unter geheimnisvoll hängenden Augenlidern. Es kann sein, daß er nachmittags maßgeschneiderte Beinkleider aus Nappaleder trägt. Goldkettchen am Handgelenk, nein: eine Kette ist das, eine richtige massive Kette. Alles vom Fernsten, was er am Leibe hat, alles Dernier cri und absolut korrekt. Die Hemdmanschette ist wohl mit dem Millimetermaß gemessen. Eine Zehntelsekunde vielleicht nur verharrt der Blick des Besuchers auf den Socken an den übereinandergeschlagenen Füßen des Hausherrn – da zieht er die Hosenbeine etwas höher und sagt: "Scheißlicher Geschmack, nicht?"

Josef von Ferenczy ist unlängst 65 geworden, das empfindet er als persönliche Kränkung. Er ist standesgemäß in eine Suite des römischen Hotels Quirinale geflohen, um der unerwünschten Feier daheim zu entgehen. Da trifft es sich gut, daß Sohn Andreas dieser Tage 40 wird. Dieser Termin muß nun für die Nachfeier herhalten. Am Wochenende ist es wieder soweit. In den Münchner Torggelstuben gibt Ferenczy eines seiner Feste, auf denen er die erstaunlichsten Kreuzungen von Zeitgenossen vornimmt. Hier sind amtierende und ehemalige Bundeskanzler (Kreisky, Sinowatz, Brandt) ebenso zu besichtigen wie Wirtschaftsführer und Magnaten. Hier tummelt sich die TV-Entertainerin Antje Schäffer-Kühnemann mit anderen bedeutenden Figuren der Münchner Chichi-Gesellschaft. Es hält Hans-Dietrich Genscher die Wange in jede Richtung, aus der ein Küßchen winkt, und sie alle drapieren auf das eindrucksvollste jene Herren in Flanell aus Wirtschaft, Politik, Verlagswesen und Lobby, die zwar weniger bekannt sind, jedoch über Einfluß und schöne Budgets verfügen. Wer aber nun von all diesen heiter gestimmten Gästen glaubt, er befinde sich auf einem Fest, der irrt

"Dies", sagt Josef von Ferenczy, "sind keine Feste. Dies sind Dienstleistungen. Dies sind Zusammenkünfte. Da kommen Leute zusammen, die kommen sonst nie zusammen. Was da an Geschäften entsteht, kann ich gar nicht überblicken."

War da etwa Bedauern in seiner Stimme? Könnten Geschäfte entstehen, an denen er nicht beteiligt wird? Nein, so denkt er gewiß nicht oder längst nicht mehr. Der Mann ist ein paar Nummern größer, als er von Chronisten dargestellt wird, die voneinander immer nur abgeschrieben haben: als "literarischer Agent fürs Leichte", als der Mann, der über 133 Autoren regiert, die seichte Unterhaltungsware herstellen, für die Ferenczy unerhörte Honorare verlangt, von denen er freilich einen unerhörten Rahm von 25 Prozent wieder abschöpft. Ein Mann, der zwar aussehe, wie man sich einen magyarischen Kavallerieleutnant vorstellt, aber – man höre – arbeite wie ein Preuße und – man staune – überdies auch noch korrekt sei. Der solchermaßen klischierte Josef von Ferenczy verfügt heute über ein publizistisches Syndikat, das aus acht Firmen besteht und alles an Öffentlichkeitsarbeit macht, was bezahlt wird"... und demokratisch ist" (Ferenczy).

Die Herren mit den großen Budgets sitzen überall. In Parteien und Dachorganisationen, bei "däm ÄGä" und in Konzernen, in Kanzlerämtern und bei so friedfertigen, aber publizistisch aggressiven Organisationen wie der Cema, der Centralen Marketinggesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft (beiläufig 100 Millionen Mark Etat). Gemeinsam nahen diese Organisationen den Wunsch nach einem guten Ruf. Hier hilft Ferenczy in allen Wirtschaftslagen. Er hilft mit einer Presseagentur, mit einer PR-Firma für "atmosphärische Public Relations", der Script-Agentur, einer Fernsehproduktion. Ferenczys Beauftragte stricken jedes nur denkbare mediale Garn: Bücher, Fernsehfilme, Illustriertenserien, Zeitungsfeatures, Drehbücher, PR-Konzepte, Produktstrategien.

Ferenczy übt längst nicht mehr ausschließlich die Solorolle des operettenhaften Peitschenknallers über hundert Leichtschreiber aus. Von der breiten Öffentlichkeit ist das unbemerkt geblieben. Die einen haben immer nur nachgebetet, was Ferenczy-Autor Will Berthold einmal treffend in den Kalauer gefaßt hat: "Ohne ihnen – nichts verdienen." Die anderen haben vor lauter Herablassung über den vermeintlichen Zigeunerbaron nicht bemerkt, womit und wohin er überall wirkt.

Er kenne sein Operetten-Image, sagt er, aber an ihm sei nichts Geheimnisvolles. Er habe vor dreißig Jahren mit Null angefangen und von Zeitungen nur soviel gewußt, daß die Neue Zürcher von allen die beste gewesen sei, weil sie als Einlage in seinen schadhaften Schuhen das Wasser am längsten abgehalten habe.

Inzwischen sind wir bei der Käsecreme, die er ebenso unberührt abtragen läßt wie vorher den Schinken und die Gänseleber. Das Operetten-Image, sagt der Besucher mit kauendem Mund, das provozieren Sie doch selber. Diese Umgebung, diese Kleidung, dieser Schnurrbart. Diese Sprache. Solches Gehabe und solcher Habitus, das regt doch an und auf, und warum müssen wir um neun Uhr schon Kaviar essen?

Josef von Ferenczy hat eine ganz schlichte Methode, solchen Fragen zu begegnen. Nix verstehen! Unterhaltungen bestreitet er so, wie er es will. Das führt so weit, daß der Besucher von einer Sache redet und Ferenczy von einer anderen. Man hat das Gefühl, man sendet auf Ultrakurzwelle, und Ferenczy hat keinen UKW-Teil. Aber eisern sagt er, wohin das Gespräch auch immer läuft, was er sich zu sagen vorgenommen hat. Er nimmt gar nicht erst den berüchtigten Umweg der Bildschirmpolitiker: Bevor ich Ihre Frage beantworte, will ich noch auf folgendes zurückkommen ... Ferenczy redet, passiere was da wolle, am Stück weiter. Es ist sein Stück.

Er sei Medienmanager. Selbstverliehener Titel. Er sei schon Medienmanager gewesen, als die meisten noch gar nicht wußten, was das ist. Er habe den Begriff "atmosphärische Public Relations" erfunden. Seine Hauptbegabung sei, immer eine Stunde vor der Zeit herzudenken. Wenn er vorher gesagt habe, das "fressen" die Leute, hätten die Leute immer gefressen. Er lüge nie, das sei zu anstrengend. Er sei äußerst verletzlich, deshalb lasse er nur ganz wenige an sich heran. Er könne auch nicht hassen. Allerdings auch nicht vergessen. Hundert Jahre nicht, wenn ihn jemand enttäuscht hat.

Wir kriegen einen Äthersalat hier, wie in Italien, sagt Ferenczy. Als Junge habe er alle Weltliteratur gelesen, das sei sein Hobby gewesen. Für alles findet er deutsche Autoren, nur für Humor und Romantik nicht. Hierzulande sei ein Autor erst ein Literat, wenn er schon fünfzig Jahre tot ist. Die bild-Serie vom wiederholbaren Wunder aus der Feder des ehemaligen Regierungssprechers Diether Stolze war auch seine Idee. Eine seiner hervorragenden Begabungen sei es, Menschen zu erfassen und "auszuwerten". Wenn alle "Ismen" in der Sackgasse stecken, dann kommt immer der Augenblick des unbefrachteten Pragmatikers vom Schlage Ferenczy. Täglich hat er hundert Ideen. Er gebe Tips, Ratschläge und prophetische Vorhersagen. Er habe den "weitbesten Paß" abgegeben, den österreichischen. Jetzt ist er Deutscher. Bei "däm ÄGä" in Brüssel hat er sozusagen eine eigene Botschaft. Kürzlich aufgemacht. Sehr teuer, das Büro.

Zwischendurch hebt Josef von Ferenczy einmal den Hörer seines Telephons ab, drückt einen der vielen Knöpfe und sagt ganz leise, aber es klingt drohend, er erinnere daran, er wolle grundsätzlich und immer alles Frühstücksbrot getoastet, auch das graue, auch das schwarze.

"Wissen Sie", sagt Josef von Ferenczy, "ich liebe die Menschen." Dann sagt er, neunzig Prozent der Menschen seien qua Herkunft, Erziehung, Bildung, Umwelt und Berufsweg ohne Zugang zu den großen Werken der Weltliteratur. Aber sie müßten doch auch ihre "Literatur" haben. Wer ihnen die versage, der offenbare deutschen Bildungsdünkel, rügt der Bundesbürger Josef von Ferenczy, der die Deutschen mit mehr Schreibware versorgt hat als sonstwer.

Vordergründig verkauft er ausgerechnet jene Sprache, die er einmal aufgehört hat weiterzulernen. Der Vorgang grenzte ans Wunderbare, wäre er lediglich so. Tatsächlich hat Ferenczy nie gewußt oder wissen mögen, was die Leute lesen wollen. Aber er ahnt, was sie fressen wollen. Auch die wackeligen Autoren. Auch die unschlüssigen Chefredakteure. Selbstredend die ahnungslosen Manager. Die Koofmichs genauso wie die Idealisten. Ferenczy weiß, was Menschen wünschen. Sie kriegen es von ihm. Knüppeldick.