Die roten Transparente, die über dem Demonstrationszug schwanken, der sich entlang der Werksmauer langsam entfernt, sind aus der Distanz noch gut zu erkennen. Doch wie groß die Zahl der Arbeiter ist, die seit einer halben Stunde im Warnstreik sind und zur Kundgebung in der Innenstadt marschieren, das läßt sich vom Tor I des Mannheimer BBC-Werks Käfertal aus nicht mehr zuverlässig schätzen. Eine Arbeiterin, die dort steht und den allmählich ganz aus der Sicht verschwindenden Kollegen hinterherschaut, sagt aber: "Beschämend, daß das nicht mehr sind vom BBC."

Es ist der erste Tag der Urabstimmung, zu der die IG Metall im Tarifbezirk Nordwürttemberg/-Nordbaden aufgerufen hat. Die Gewerkschaft will von ihren Mitgliedern wissen, ob sie bereit sind, für die Forderung nach der 35-Stunden-Woche zu streiken. Sie braucht dafür die Zustimmung von mindestens 75 Prozent ihrer Mitglieder. Mit Warnstreiks und einer Kundgebung im Mannheimer Herzogenried-Park sollen die Metaller mobilgemacht werden.

Zehn Minuten, nachdem die Demo-Delegation der BBC-Belegschaft zur Kundgebung abmarschiert ist, kommt erneut Leben auf am Werkstor. Eilig verlassen etliche Arbeiter die Fabrik, hin zur nahegelegenen Straßenbahnhaltestelle. Die Männer sind so in Hast, daß sie sich nur im Laufschritt befragen lassen.

"Sind Sie Mitglied der IG Metall?" Jeder antwortet mit ja. "Warum gehen Sie nicht zur Kundgebung Ihrer Gewerkschaft?" Die Antworten sind meist verlegen: "Ich muß dringend zum Arzt", entgegnen gleich zwei Befragte. Für einen war die Kundgebung "zu plötzlich" angesetzt. Ein anderer sagt: "Die Kundgebung zählt nicht, morgen ist bei BBC die Urabstimmung." Frage: "Stimmen Sie für den Streik?" Antwort: "Ja." Frage: "Warum?" Antwort: "Seien wir doch ehrlich – die Meinungen sind geteilt über die 35-Stunden-Woche. Der Arbeiter denkt zuerst daran, daß es ihm gut geht. Wichtig ist, daß nicht noch mehr Arbeitsplätze verlorengehen. Die Kollegen stehen schon alle hinter der Forderung nach 35 Stunden. Die Frage ist nur, ob wir das ausgerechnet jetzt verlangen mußten. Trotzdem: Ich stimme mit ja."

Nur einer der Drückeberger, die den Warnstreik für einen vorgezogenen Feierabend nutzen, sagt offen, daß er gegen den Streik stimmen wird: "35 Stunden sind schon in Ordnung, aber nur ohne Lohnausgleich. Die Gewerkschaft fordert zuviel. Man kann nicht weniger arbeiten und mehr Geld verlangen."

Nie zuvor hat die IG Metall gegen soviel öffentlichen Druck eine Forderung vertreten. Kaum je zuvor haben sich die Gewerkschaftsfunktionäre ihrer Gefolgschaft so wenig sicher sein können wie in diesem Arbeitskampf. Da ist Hilfe selbst dann willkommen, wenn sie vom Gegner kommt.

Mit feinem Sinn für Effekte gelingt es dem Verband der Metallarbeitgeber den im Herzogenried-Park versammelten Arbeitern jenes "Ihr-da-oben – wir-hier-unten"-Gefühl zu vermitteln, das sie gerade jetzt so brauchen. Hoch über Mannheim nämlich kreisen während der gesamten IG-Metall-Demo zwei Sportflugzeuge und schleppen den Slogan "Jedes Nein bei der Urabstimmung ist ein Ja für den Aufschwung" über den Himmel.