Judy, ein zwölfjähriges amerikanisches Mädchen, war von den Ärzten bereits aufgegeben worden: Sie litt an einem unheilbaren Blutkrebs, im Medizinerjargon "akute lymphoblastische Leukämie" genannt. Radioaktive Strahlung und Chemotherapie hatte ihr kleiner Körper ertragen. Dennoch wurde Judy nicht gesund. Der Krebs fraß weiter an ihrem Blut.

Solche dem Tode geweihten Kinder unterzog Stewart Schlossmann vom Massachusetts General Hospital im amerikanischen Boston vor dreieinhalb Jahren erstmals einer vollkommen neuartigen Therapie. Dazu entnahm er den leukämiekranken Kindern das für die Blutbildung wichtige Knochenmark aus den großen Röhrenknochen der Arme und Beine sowie aus dem Becken. Dann vernichtete er die darin enthaltenen Krebszellen mit neuartigen medizinischen Wunderwaffen, mit monoklonalen Antikörpern. Bis zum Abschluß der Behandlung bewahrte Schlossmann das von Krebszellen gereinigte Knochenmark in flüssigem Stickstoff bei minus 196 Grad Celsius auf.

Ohne Knochenmark waren die Kinder zwar äußerst anfällig gegen Infektionen. Deshalb mußten sie einige Wochen auf einer absolut keimfreien Station leben. Doch da das empfindliche Knochenmark sicher im flüssigen Stickstoff lagerte, konnte Schlossmann die Krebszellen im Blut noch intensiver als zuvor mit Strahlen und Medikamenten bekämpfen.

Die Kinder überlebten die an sich tödliche Strahlendosis, weil das lebenswichtige Knochenmark davon nicht, getroffen wurde und weil Krebszellen, die sich sehr rasch teilen, wesentlich empfindlicher auf Strahlen und Zellgifte reagieren als gesunde, sich langsam teilende Zellen. Das von Krebszellen befreite Knochenmark erhielten die Kinder zurückgespritzt. Judy sowie 25 weitere Patienten, die Schlossmann in gleicher Weise behandelt hatte, brauchen seitdem kein Medikament und keinerlei Behandlung mehr: Sie gelten heute als geheilt.

Die Wunderwaffen der modernen Medizin, die monoklonalen Antikörper, vollbrachten die Heilung. Antikörper sind körpereigene Abwehrstoffe etwa gegen Erreger von Infektionskrankheiten oder Fremdstoffe wie Schlangengift, gegen transplantierte fremde Organe oder Krebszellen. Die Wirbeltiere haben im Laufe ihrer Entwicklungsgeschichte diese Abwehrwaffe, ein entscheidend wichtiger Bestandteil des Immunsystems, immer mehr vervollkommnet.

Taucht ein Fremdstoff im Körper auf, so entscheidet die Leber, ob der Stoff entgiftet werden kann oder von der Milz vernichtet werden muß. Dazu schicken die Milz und die Lymphknoten sogenannte B-Lymphozyten aus, eine Untergruppe der weißen Blutkörperchen. Diese bilden sogenannte Antikörper, die den Fremdstoff oder die Krebszellen (beides sind "Antigene") "fesseln" und den Freß- und Killerzellen gleichsam zum Fraß vorwerfen.

Schnelligkeit ist bei der Abwehr der Antigene oberstes Gebot. Deshalb entwickelte sich bei Säugetieren – und somit auch beim Menschen – ein Immunsystem, dessen Lymphozyten mehrere Oberflächenkennzeichen der Antigen-Moleküle als fremd ("antigen") erkennen, so daß der Angriff vielfaltig und von allen Seiten erfolgt.