Von Matthias Horx

Kehren die Rebellen von einst früher oder später heim in den Schoß von Familie und "Vernunft"? Manchen Eltern, die sich heute mit ihren Kindern wieder entspannt zum Kaffeetrinken treffen können, nachdem über lange Jahre hinweg jeder Gesprächsversuch in ideologische Debatten über Kernkraft, Raketen und bürgerliches Wertesystem ausartete, scheint es so. Es stimmt ja auch: So um die dreißig herum traut man den eigenen Mythen der Rebellion immer weniger. Man wird toleranter, auch weil man es nicht mehr so nötig hat, seine Identität ständig gegen die Weisheiten der älteren Generation zu verteidigen. Aber kehrt man auch wirklich zurück?

Drehen wir den Spieß um: Was hat sich in den bürgerlich-liberalen Elternhäusern an Werten, Normen, Einstellungen verändert? Daß die "radikale Ära" auch im "Bauch der Kultur" etwas bewirkt hat, ist wohl kaum zu bestreiten: Man denke nur daran, wie heute in den meisten Familien über Erziehung und Partnerschaft, über Umweltverschmutzung und technischen Fortschritt, über Politik und Konsum zumindest nachgedacht wird – und vergleiche dieses Nachdenken mit der ungebrochenen Wirtschaftswunderei der fünfziger und sechziger Jahre. Die Alternativbewegung – in all ihren Schattierungen – hat Fragen und Zweifel auf die familiären Tische gelegt. Manche alte Selbstverständlichkeit, wie etwa die starre Rollenverteilung zwischen Mann und Frau, die fraglose Unterordnung unter Autoritäten oder das bruchlose Vertrauen in die Regierenden, ist unwiderruflich dahin.

Aber das Zweifeln an den eigenen Moral- und Wertsystemen ist immer auch schmerzhaft. Da türmen sich mehr Probleme auf, als Lösungen in Sicht sind. Manchem Älteren wäre es heute noch lieber, diese unbequeme Generation wäre nie aufgetaucht. Ein Großteil dessen, was heute als Fiktion von der "geistig-moralischen Wende" durch die Gemüter huscht, mag aus einem Reflex gegen diese Verunsicherung stammen, einer Sehnsucht nach den Zeiten, als die Kinder noch "etwas Besseres" werden wollten – und nicht dauernd an allem herumnörgelten.

Ohne Grund ist solche Rückwärts-Sehnsucht nicht. Die Rebellionen der letzten 15 Jahre haben viele Sicherheiten zerstört, aber kaum neue geschaffen. Ihre Modelle sind, so scheint’s, keine echte, keine dauerhafte Alternative.

Das alternative Getto wächst nicht mehr, es hat seine enorme Anziehungskraft auf die noch Jüngeren in den letzten Jahren zunehmend eingebüßt. Es ist gezwungen, sich mit dem "Rest der Gesellschaft" wieder auseinanderzusetzen. In der Sprache der "Verantwortungsethik": Die alternative Szene muß (bei Strafe ihrer kulturell-politischen Bedeutungslosigkeit) Modelle und Wertsysteme entwickeln, die über das Getto hinaus wirksam werden können. Umgekehrt wird sich die "etablierte Kultur" nicht vor den Ansprüchen auf Veränderung, vor emanzipativen Korrekturen, drücken können. Welche Kompromißlinien zeichnen sich da ab? Und um welche Ansprüche geht es eigentlich noch, wenn die radikalen Mythen ihren Glanz verloren haben?

Marx, dessen blaue Meterware in die obersten, hinteren Ecken der alternativen Bücherregale gerutscht ist und dort geduldig vor sich hin verstaubt, hat vom "Sein" geschrieben, das das Bewußtsein bestimmt. Betrachten wir einmal das alternative Milieu als Gesellschaftsschicht mit den Maßstäben der "Klassenanalyse": Die "Alternativklasse" (besser: Schicht) hat einen überdurchschnittlichen Bildungsstand, ihr Einkommen ist aber – durch die vielen Alternativ-Hungerlöhne – eher gering. An ihren Rändern bewegt sich eine nicht unwesentliche Gruppe von Aufsteigern: Lehrer, Rechtsanwälte, in die Institutionen gerutschte Alternativjournalisten, Kleinunternehmer, die trotz ihrer veränderten Rolle alternativem Gedankengut treu geblieben sind. Am unteren Rand bröckelt es ebenfalls ständig: Da machen Alternativprojekte pleite und entlassen ihre Mitglieder auf den Arbeitsmarkt, auf dem sie wegen abgebrochener Ausbildung schlechtere Chancen haben als andere. Aus der nicht mehr heilen Alternativwelt heraus ergießt sich ein ständiger Strom von Taxifahrern und Gelegenheitsjobbern. Dazu kommen die Jüngeren aus den Metropolen, die von anarchistischen Punk- und Härtegefühlen geprägten Hausbesetzer. Auch sie stehen schnell in den Warteschlangen von Arbeits- und Sozialamt.