Präsident Mitterrand ernannte einen Gewerkschaftschef zum Krisenmanager für Lothringen.

Wenige Tage zuvor hatte Frankreichs sozialistische Gewerkschaft CFDT ihren festen Willen zur "Unabhängigkeit von der Regierung" bekräftigt. Da wechselte plötzlich einer der Gewerkschaftsbosse ins Regierungslager über: Jacques Chérèque, die Nummer zwei der CFDT, wurde zum "Kommissar für den industriellen Wiederaufbau Lothringens" berufen.

Die Roßkur, der die lothringische Stahlbranche unterzogen wird, kostet sie in den nächsten Jahren 16 000 Arbeitsplätze. Die Not der Region soll durch die Ansiedlung moderner Industrien gelindert werden. Für die Einlösung dieses Versprechens der Regierung zeichnet künftig der füllige Ex-Gewerkschafter Chereque mitverantwortlich. Während die kommunistische Gewerkschaft CGT den Überläufer verhöhnte, ging seine eigene CFDT entschieden auf Distanz.

Doch das scheint den Mann mit dem in ganz Frankreich bekannten buschigen Riesenschnurrbart nicht zu stören. Wer es vom ungelernten Arbeiter zum Fabrikationschef eines lothringischen Stahlwerks und danach zum Spitzengewerkschafter gebracht hat, dem fehlt es nicht an Selbstbewußtsein. "Wenn ich mich vor Tritten in den A... fürchtete, wäre ich nicht hier", kommentierte er vor der Presse im Flur des Industrieministeriums seine Entscheidung.

Mit der Ernennung des 55jährigen Chereque hat Präsident Mitterrand nicht nur einen Coup gelandet, sondern auch ein Zeichen gesetzt. Denn in der Sozialistischen Partei gehört Jacques Chereque zu jener Minderheit, die marktwirtschaftlich denkt und seit jeher den wirtschaftspolitischen Realismus predigt. Ihm wird sein Eintreten für Arbeitszeitverkürzungen ohne vollen Lohnausgleich übelgenommen. Schon 1979 warnte er seine lothringischen Landsleute, der Abbau von Arbeitsplätzen in der Stahlindustrie sei unumgänglich – als Mitterrand noch genau das Gegenteil verhieß. Ro. W.