Unter den Libyern wächst der Zorn – Seite 1

Wer waren die Angreifer? Ein mysteriöser Stoßtrupp stürmte am Dienstag eine der Residenzen des libyschen Diktators Muammar al-Gaddhafi. In Libyen regt sich Widerstand gegen sein Regime.

Es ist eine Kaserne und eine imposante Festung zugleich: elektonisch gesichert und von hohen Mauern umgeben, an denen Überwachungskameras rotieren. Hier, am südlichen Stadtrand von Tripolis, halten sich Gaddhafi und seine Familie häufig auf. "Bab el Azizyia" heißt der Ort: "das leuchtende Tor". Doch dieses Tor konnten die zwei Dutzend Rebellen mit ihren Schnellfeuerwaffen offensichtlich nicht einrennen. Sie verschanzten sich in einem Gebäude außerhalb des Kasernenareals und wurden bald von Armee-Einheiten umzingelt. Am frühen Nachmittag war im abgeriegelten Stadtviertel keine Salve mehr zu hören. Gruppen von Jugendlichen zogen durch die Hauptstraßen von Tripolis und ließen Gaddhafi hochleben. Der "Putschversuch" (so die Einschätzung westlicher Diplomaten) war gescheitert.

Wieder einmal ist Gaddhafi davongekommen. Seit fünfzehn Jahren an der Macht, gehört er zu den dienstältesten arabischen Staatschefs. Dankeines von DDR-Experten geschulten Sicherheitsapparats, dank systematischer Indoktrinierung der Jugend und Bespitzelung der Bevölkerung konnte er bislang fast jede oppositionelle Regung im Keime ersticken.

Regime-Gegner ließ Gaddhafi zu Tausenden einkerkern, gegen Exil-Libyer schickte er seine Terrorkommandos aus. Lokale Aufstände und Unruhen schlug er blutig nieder. Gleichwohl fürchtet er mehr denn je um sein Leben. Nicht von ungefähr wird ihm nach übereinstimmenden Berichten eine Schlaftablettensucht nachgesagt.

In letzter Zeit häufen sich die Zeichen des Unmuts unter den drei Millionen Libyern:

  • Im März wurde angeblich der Gaddhafi-Vertraute Said Kadaf Dam von einer Autobombe schwer verletzt.
  • Am 16. April wurden zwei Studenten auf dem Gelände der Fatah-Universität vor Tausenden von Kommilitonen als "Feinde der Revolution" erhängt: Ihnen wurde ihr islamischer Fundamentalismus zum Verhängnis. Zum Prostest kleideten oppositionelle Studenten einen Hund mit einer Operetten-Uniform à la Gaddhafi und trieben ihn durch die Menge.
  • Wenig später wurden die zwei Henker der Studenten von Unbekannten umgebracht. Das Auditorium der Universität, in welchem ein Video-Film über die Exekution vorgeführt worden war, ging in Flammen auf.
  • Ein Brand zerstörte ebenfalls ein großes Munitionsdepot unweit der Stadt Benghazi und – als Symbol des Gaddhafi-Regimes – einen staatlichen Supermarkt in einem Vorort von Tripolis.
  • Allein im vergangenen Monat ließ Gaddhafi laut Washington Post mindestens 23 Oppositionelle hinrichten.

Ärger breitet sich nicht nur wegen der wirren Außenpolitik des Diktators, der – wie zuletzt bei der Affäre um das libysche "Volksbüro" in London – Diplomatie und Terrorismus verquickt. Ein Lohnstopp seit drei Jahren und zusätzliche austerity-Maßnahmen wegen der sinkenden Öleinnahmen haben die Libyer aufgebracht.

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Derweil sie den Gürtel enger schnallen mußten, investierte Gaddhafi unbeirrt Unsummen in seine völlig überdimensionierte Armee. Den Sowjets kaufte er über 4000 Panzerfahrzeuge und 150 Kampfflugzeuge allein vom Typ Mig 25 ab. Die wachsende Militarisierung der libyschen Gesellschaft – mehrmals in der Woche müssen alle Libyer zwischen 16 und 54 Jahren zu militärischen Übungen antreten – ist besonders unpopulär. Überdies rivalisieren die allgegenwärtigen "revolutionären Komitees", die Armee und die "Volksmiliz" um Einfluß und Pfründe.

Gaddhafis offensichtliche innenpolitische Schwäche hatte bereits eine wichtige Folge: Überrachend bot er den Rückzug der libyschen Besatzungstruppen aus dem Norden des Tschad an. -ck