Johannes Paul II. wich kritischen Fragen aus

Von Hansjakob Stehle

Port Moresby (Papua, Neu-Guinea), im Mai

Mancher Schein trügt nicht nur. So hat das fingierte Attentat auf den Asienpilger Johannes Paul II. auch etwas an den Tag gebracht. Geschickt war es nämlich auf einen Journalismus gezielt, der Papstreisen ebenso satt hat wie er nach Knalleffekten hungert. Indem der "Anschlag" alle Schlagzeilen für sich mobilisierte, hat er von einem anderen Ereignis abgelenkt, das den gastgebenden Regierenden in Südkorea peinlich werden konnte.

Der junge Mann, der in Seoul eine Spielzeugpistole auf den Papst abdrückte, während die Sicherheitsleute hellsichtig gleich auf den Boden und nicht auf den "Attentäter" schossen, – er soll es, nach seiner angeblichen Aussage, "nur zum Spaß" getan haben. "Geistesgestört" sei er, hieß es im Polizeibericht, der auch mit einem kuriosen Beweis aufwartete: der 22jährige pflege zu Hause hinter verschlossenen Türen oft stundenlang sein Radio brüllen zu lassen. Ganz ruhig und im genau berechneten Augenblick erschien er jedenfalls mit seinem Plastikrevolver auf der Szene, genau zwei Minuten, bevor der Papst in der Kathedrale von Seoul mit 46 verfemten Oppositionspolitikern und Dissidenten zusammentraf. Einer von ihnen, der frühere Präsident der aufgelösten "Neuen Demokratischen Partei", Kim Young Sam, forderte den Papst auf, für "unser unterdrücktes und entfremdetes Volk" zu beten.

Ist der Papst aber etwa den einfachen Menschen ausgewichen? In Kwang Ju erinnerte er deutlich, wenn auch für viele seiner: 70 000 Zuhörer allzu zaghaft an die "jüngsten Tragödien" und "unglücklichen Ereignisse", deren Erinnerung tiefe Wunden und Bitterkeit hinterlassen habe. Gemeint war das Blutbad, das im Mai 1980 General Chun anrichtete, als er seine Ledernacken auf demonstrierende Studenten schießen ließ – der Gleiche, der jetzt als Staatspräsident den Gast aus Rom empfing und salbungsvoll in dessen Versöhnungspredigt einstimmte. Damals waren in Kwang Ja nach amtlichen Angaben 189, nach kirchlichen Feststellungen über 700 Menschen getötet worden. Als Johannes Paul II. in dieser Staat 72 erwachsene Koreaner, die er taufte, dazu aufforderte, Friedensstifter und "Instrumente christlicher Befreiung" zu werden, da kam nur sehr gemessener Beifall unter den Gläubigen auf. So herzlich sie sich über den Besuch freuten, ihre Befürchtung sitzt tief, daß den Tagen der frommen Idylle neue Repressionen folgen könnten.

Die Studenten allerdings, nicht die Christen sind nach wie vor die unruhigsten Bürger Südkoreas. Es seien "nur" 10 000 von den 750 000 Hochschülern des Landes, die immer wieder lauthals ihre Abneigung gegen das autoritäre Regime bekunden, meinte dazu ein Regierungssprecher und bedauerte, daß Tränengasschwaden, die eine Demonstration verjagten, einmal sogar den Papst zum Niesen reizten.