Die Sowjets beteiligen sich nicht an den Olympischen Spielen in Los Angeles. Noch sind ihre Motive unklar. Billige Retourkutsche für 1980, als Präsident Carter wegen des russischen Einfalls in Afghanistan die Spiele in Moskau boykottierte? Vergeltung für allerlei amerikanische Ungeschicklichkeiten, denen sich die sowjetische Delegation in Los Angeles ausgesetzt wähnte? Oder einfach eine brutale Demonstration, daß die Beziehungen zwischen Washington und Moskau einen absoluten Tiefpunkt erreicht haben?

Offiziell ist die Absage der Russen – die ihrer Verbündeten wird wohl folgen – damit begründet worden, die Amerikaner duldeten die Tätigkeit extremistischer Gruppierungen, die sich gegen die Sowjetunion wendeten. Das braucht niemand für bare Münze zu nehmen. In Wahrheit mußte der Sport abermals als Hebel der Politik herhalten. Das Verhältnis der Supermächte ist vergiftet; der Dialog zwischen ihnen ist erstorben; die Drähte sind abgerissen. Jetzt haben die Kremlführer auch den olympischen Draht gekappt.

Da mag man beklagen, daß Carter mit seiner Boykott-Aufforderung vor vier Jahren den Präzedenzfall geschaffen hat, hinter dem sich die Sowjets nun verstecken können; wie manch einer auch beklagen wird, daß die Reagan-Administration Moskau während der letzten drei Jahre zu oft die kalte Schulter zeigte, als daß sich Ansätze für ein neues Einvernehmen der Großmächte hätte bilden können. Aber das ändert nichts an der Tatsache, daß jetzt der Kreml die kalte Schulter mit kaltem Krieg beantwortet. Wer gehofft hatte, unter dem neuen Generalsekretär Tschernjenko werde es eine Rückkehr zur Westpolitik Leonid Breschnews geben, sieht sich getäuscht und enttäuscht. Im Kreml haben jetzt die Harten das Sagen, Gromyko zumal und seine Gesinnungsgenossen.

Vielleicht wollten sie bloß noch deutlicher machen als bisher schon, daß Ronald Reagan vor dem Wahltag im November von ihnen keinerlei Entgegenkommen erwarten darf. Aber vielleicht steckt auch Böseres dahinter. Die sowjetische Olympia-Absage ist jedenfalls mehr als ein Ausfluß der Wehleidigkeit. Sie ist der Auftakt zu einer Phase, in der das Verhältnis der Supermächte noch eisiger zu werden droht.

Die Olympischen Spiele, der olympische Gedanke sind das erste Opfer des neuen russischen Auftrumpfens. Es steht zu befürchten, daß es dabei nicht bleibt. Vor uns liegt ein Sommer weltpolitischen Mißvergnügens, bedrohlichen Kampfgeschreis und wachsender Spannung. Es wird der Anstrengung aller Vernünftigen und Besonnenen bedürfen, um zu verhindern, daß aus dem sportlichen Eklat eine weltpolitische Krise wird. Th.S.