Von Hans Jakob Ginsburg

Der Kandidat erklärte sich vorsorglich selbst zum Sieger – die Menge, viele in den grünweißen Farben der Christdemokraten El Salvador gekleidet, jubelte ihrem Tribunen zu. José Napoléon Duartes Anhänger wollten die offizielle Verbindung des Wahlergebnisses nicht abwarten. Zu groß war die Begeisterung, zu groß vielleicht auch die Furcht vor dem Gegenkandidaten. Der Reservemajor Roberto d’Aubuisson, Führer der Rechtsextremen und verdächtigter Hintermann der Todesschwadronen, hatte schon die ersten Teilergebnisse – Duarte lag mit 55 Prozent der Stimmen vorn – angezweifelt. Der Wahlsieger Duarte muß sich nicht nur gegen die linke Guerilla behaupten, die ein Drittel des Landes kontrolliert; er muß seine Herrschaft auch gegen die Rechten um d’Aubuisson sichern.

Der Armee wäre zuzutrauen, daß sie den Wahlausgang mißachtet und den gewählten Zivilisten stürzt; denkbar auch, daß die Offiziere den Mann ohne Uniform ruhig im Präsidentenpalais residieren lassen und El Salvador weiterhin so selbstherrlich regieren lassen wie all die Jahre zuvor. Für Duarte wäre das nicht einmal neu. Beides hat es in den letzten zwölf Jahren in El Salvador gegeben, und beide Male hieß der ausmanövrierte Zivilist – José Napoléon Duarte. Bei seinem dritten Anlauf hat Duarte einen entschiedenen Vorteil: Heute ist der Christdemokrat der Mann, auf den Washington setzt.

Wahl und Staatsstreich von 1972 brauchten die nordamerikanische Hegemonialmacht nicht zu interessieren – sie waren nur eine Episode im Zyklus von Reformversuch, Putsch und Gegenputsch in Lateinamerika. Duarte, um den Wahlsieg betrogener Präsidentschaftskandidat der Mitte und der Linken, fiel in die Hände der reaktionären Militärs. Sie sperrten ihn ein und folterten ihn grausam. Seitdem fehlen ihm drei Finger der linken Hand. Duarte ging ins Exil; 1979 kehrte er zurück und trat bald an die Spitze einer neuen Junta – ein schwacher Übergangspräsident und Mann der Mitte, aus der Sicht Präsident Reagans keine wichtige Figur im Kampf gegen den Kommunismus in Mittelamerika. Anders im El Salvador von 1984: Nur ein gewählter Präsident vermag den Kongreß in Washington davon zu überzeugen, daß Reagan in der Kaffeerepublik Demokraten gegen Kommunisten schützt. Duartes Kontrahent Roberto d’Aubuisson ist als Repräsentant der Todesschwadronen verrufen. Nur Duarte könnte Nordamerikaner, Westeuropäer und Lateinamerikaner davon überzeugen, daß sozialer Fortschritt unter dem Schutzschirm Washingtons möglich ist.

Wie Washington auf Napoléon Duarte setzt, muß dieser sich auf Washington verlassen. Nur so kann er sich gegen die Phalanx von Militär und Großgrundbesitz auf Dauer behaupten und den Kampf gegen die linke Guerilla bestehen. Ronald Reagan kann die Zahl der 55 offiziellen Militärberater nicht erhöhen; er kann aber die salvadorianische Armee – bisher eine Unterdrückungs-, keine Kampftruppe – im benachbarten Honduras ausbilden lassen und dafür sorgen, daß gemäßigte, loyale Offiziere die Oberhand bekommen. Die Antikommunisten El Salvadors wären ohne Washingtons Hilfe (62 Millionen Dollar soll der Kongreß demnächst bewilligen) der Guerilla jedenfalls hoffnungslos unterlegen. Duarte ist dennoch nicht Washingtons Wunschkandidat oder gar Marionette. Denn mit Duarte verbindet sich ein innenpolitisches Programm, das auf manchen nordamerikanischen kalten Krieger versöhnlerisch, fast revolutionär wirkt.

El Salvadors Christdemokraten wollen eine Partei der Mitte sein – ein gefährlicher Platz zwischen den traditionellen Macnthabern, Kaffeepflanzern und Offizieren auf der einen Seite und den Guerilleros auf der anderen. 1960 war die Partei gegründet worden, Duarte wurde ihr erster Generalsekretär. Er ist der Sohn eines Schneidermeisters, hat an der Universität von Notre Dame, einem geistigen Zentrum des nordamerikanischen Katholizismus, sein Ingenieursdiplom erworben, heiratete dann die Tochter eines Bauunternehmers und verdiente zusammen mit seinem Schwiegervater am Hochhausbau in der rasch wachsenden Hauptstadt San Salvador, deren Bürgermeister er 1964 wurde. Sein Wohlstand schadete seiner Volkstümlichkeit nicht; der gedrungene Mann im offenen Hemd verkörperte die Hoffnung auf friedliche Entwicklung: Landreform für die campesinos, Wirtschaftswachstum durch Industrialisierung für die armen Städter. 1972 war er der Präsidentschaftskandidat eines breiten Bündnisses der Opposition gegen Großgrundbesitzer und Militärs; sein damaliger Vizepräsidentschaftskandidat, der Sozialdemokrat Guillermo Ungo, ist heute Sprecher des politischen – gemäßigten – Arms der Guerilla. Die beiden alten Verbündeten beschimpfen sich bisweilen gegenseitig als Verräter, nennen den anderen einen Gefangenen in den Armen der Extremisten – und doch verkörpern beide die Hoffnung, daß der Bürgerkrieg irgendwann ein Ende nimmt.

Die ehrgeizigen Reformpläne des Interimpräsidenten der Jahre 1980 bis 1982 blieben bisher Theorie. Den Bürgerkrieg zu gewinnen, schien immer wichtiger, als die Ungerechtigkeit zu beseitigen. Inzwischen sind die einst errichteten landwirtschaftlichen Kooperativen ruiniert; die Großgrundbesitzer vertreiben mit Hilfe der Armee die Landarbeiter von ihren Feldern.