Wenn Gerhard Krüger auch das Leben eines vorbildlichen Bundesbürgers führte, hatte er es sich doch bereits seit vielen Jahren nicht nehmen lassen, seinen alljährlichen Sommerurlaub mit Frau und Kindern in der Ostzone zu verbringen. Schon in der Zeit des sogenannten Kalten Krieges war Gerhard Krüger als Junggeselle alljährlich in die SBZ gereist. Man kann sagen, daß Gerhard Krüger sich die Ostzone zu seinem Hobby gemacht hatte. Wenn er auch mit seiner gesamten Dresdener Vorkriegsverwandtschaft bereits seit Jahren nahezu in Feindschaft lebte, hatte er sich doch im Lauf der Zeit in und um Erfurt einen nicht unbeträchtlichen Freundeskreis aufbauen können. Von 1971 an wurde auch das Weihnachtsfest in der Zone verbracht. Im Thüringer Wald hatte sich die Familie schon frühzeitig ein Häuschen sichern können, sehr schön gelegen, unweit der Wartburg, unweit des Erfurter Freundeskreises.

Von seinem letzten Ski-Urlaub im Erzgebirge ist Gerhard Krüger mit seiner Familie nicht in die Westzone zurückgekehrt. Die Umsiedlung der Familie Krüger von der Kasseler Stadtwohnung in das Thüringer Häuschen wurde von dem gesamten Erfurter Freundeskreis mit großem Jubel begrüßt.

Vor allem Kurt Schmitt, mit dem Gerhard Krüger, damals noch Tourist, oftmals bis 22 Uhr im Café Freundschaft über dieses und jenes zu philosophieren gepflegt hatte, freute sich geradezu wie ein Kind über die plötzliche Nachbarschaft seines alten Ferienfreundes. Die Kinder von Kurt und Elvira Schmitt waren es auch, mit denen die Krüger-Kinder in der FDJ-Gruppe am liebsten zusammen waren.

So lag es auch nahe, daß beide Familien den folgenden Sommerurlaub gemeinsam planten. Nach Westpommern sollte es diesmal gehen oder wieder mal nach Rügen, denn hier hatte man sich 1963 kennengelernt, die Schmitts damals noch unverheiratet. Auf jeden Fall irgendwo in Küstennähe wollte man den Urlaub verbringen.

Durch einen Kasseler Spediteur ließ Gerhard Krüger seine ganze Habe in die nur hundert Kilometer entfernte neue Heimat bringen. Ein Erfurter Freund namens Sattler und Offizier der NVA beschaffte ihm einen gemütlichen Arbeitsplatz in der Verwaltung des VEB Tierische Nährstoffe. Gerhard Krüger verdiente auch hier genügend Geld, so daß Ilse Krüger sich ganz dem Haushalt und den Kindern widmen konnte. Wenn die Kinder bei der FDJ waren, pflegte sie den Nachmittag mit Vorliebe im Club der Volkssolidarität zuzubringen, wo sie bald gern gesehen war und einen Arbeitskreis Folklore-Stickerei ins Leben rief. Und während die Männer Erich Sattler, Kurt Schmitt und Gerhard Krüger am Sonntag-Morgen Fußball spielten, konnte man ihre Frauen in bunten Sommerkleidern und mit breiten Stroh-Hüten am Werra-Ufer spazieren gehen sehen.

Die Urlaubszeit nahte, und die Familien Krüger und Schmitt hatten tatsächlich wieder Unterkünfte in jenem idyllischen Dorf auf Rügen bekommen können, wo sie sich 1963 kennengelernt hatten. Fieberhaft vor Freude zählten beide Familien die Tage bis zur ersehnten Abreise.

Gerhard Krüger hatte sein Arbeitssoll bereits vier Tage vor Urlaubsbeginn erfüllt und arbeitete doch bis 20 Uhr am Vortage der Abreise durch: Gerhard Krüger wußte, wofür er arbeitete, nie hatte er sich besser gefühlt als jetzt. Rügen war einfach die Wucht. Und alles war beim alten geblieben. Vor allem das knallrote Schlauchboot der Krügers, das sie schon in Kassel gehabt hatten, war unter den Kindern eine Sensation.